Wie Oswald Achenbach arbeitete

Stellte mein Vater eine frische Leinwand auf die Staffelei, so war dies sein bester Tag. Den Entwurf zu dem Bilde hatte er fertig im Kopf, und dieses entstand in allerkürzester Zeit in seiner ganzen Form und Farbenwirkung. Ich habe bei andern Künstlern gesehen, daß in ihrem Atelier das große Bild mit Kohle oder auch Bleistift aufgezeichnet war, daneben stand die ausgeführte Skizze, und das Bild wurde genau nach der Skizze stückweise fertiggemacht. So arbeitete mein Vater nicht. Er machte wohl auch mal eine Skizze zu einem Bilde, aber er benutzte sie dann doch nicht. Wenn dann meine Mutter fragte, warum er die Skizze nicht benutze, sie sei doch so schön gewesen, da hieß es „Ach was! Das würde mich schrecklich langweilen, auf einem großen Bilde wirkt das alles auch ganz anders wie auf einem kleinen.“

Diese großen Entwürfe machten ihm die größte Freude. Mit Spachtel, Daumen, manchmal mit der ganzen Hand ging es in den Farben herum, und am Abend eines solchen Tages war er, sein Bart und besonders sein Malrock nur wenig von der Palette und der neuen Untermalung (denn das war nun eine Untermalung) zu unterscheiden. Ich wollte eines Tages mit Freunden über Land fahren. Als ich ins Atelier kam, sah ich, daß mein Vater eine frische Leinwand aufstellte. Da fragte ich ihn, was er denn auf der Palette habe. „Glanzschuhlack,“ sagte er lachend, „ich will die pontinischen Sümpfe im Mondschein malen.“ Dann erklärte er mir, wie er sich das Bild gedacht: Mondschein. Auf der Landstraße rollt ein von berittenen Karabinieri begleiteter Reisewagen dem Beschauer entgegen. Der Schein der Wagenlaterne ist durch den Dunst, den die Sümpfe ausströmen, unheimlich vergrößert. Links von der Landstraße rotbrauner Qualm und eine Anzahl Büffel. Dann explizierte er mir, daß diese Feuer zum Austrocknen dieses schlimmsten Malariaherdes dienen, und daß sich nächtlicherweile alle Büffel der Nachbarschaft, durch die Feuer angelockt, dort Rendezvous gäben, – und gleich war er auch schon bei der Arbeit.

Als ich abends heimkehrte und gewohnheitsmäßig zuerst ins Atelier ging, war ich starr. Da lagen sie vor mir, die Pontinischen Sümpfe, da waren die Büffel, die nächtlichen Feuer, der Reisewagen, die Karabinieri und die Laternen, – weit hinten am Horizont leuchtete silbern im Vollmondschein ein schmaler Meeresstreifen. Wenn das keine Hexerei war!

Oswald lachte über mein verblüfftes Gesicht. Ich ging ganz dicht an das Bild heran, – und da war natürlich das obligate Untermalungsdurcheinander, durch Laternen und Feuer war man zwar orientiert, das die Ochsen und wo der Reisewagen. Bei andern Untermalungen ist es mir oft vorgekommen, daß ich all die interessanten Sachen, die ich von weitem gesehen, in der Nähe überhaupt nicht wiederfand, bis ich zurücktrat und alles wieder da war. Baron Türke (Dresden), ein Schüler meines Vaters aus den sechziger Jahren, schrieb über diese Art Hexerei: „Sah ich doch einmal, wie er mit dem Pinsel in ein paar Haufen Farbe fuhr, dann den Pinsel einmal auf die Leinwand setzte, und da stand auch schon, von einiger Entfernung aus gesehen, ein Kerl, der Rock und Beinkleider anhatte!“ – –

Über meines Vaters eigenartige Maltechnik schrieb mir sein langjähriger Freund, der geistvolle Kunstkenner und Sammler, Landschaftsmaler Professor Georges Oeder in Düsseldorf:

„Was mich persönlich betrifft, so schätzte ich stets seine Kunst so hoch, weil sie ganz und gar eigenartig war, niemand vor ihm eine ähnliche, leichte, geistvolle Technik in der Landschaftsmalerei angewandt hat. Er stand in dieser Beziehung ganz einzig da, während fast alle übrigen Kollegen, sein Bruder Andreas nicht ausgenommen, sich mehr oder weniger an ältere Vorbilder, wie z. B. die Düsseldorfer, hauptsächlich an die alten Niederländer anlehnten.

Bei Oswald hat zu dem Charakteristischen seiner Malweise meines Erachtens kaum ein Vorgänger ihm den Weg gewiesen.

Wie lebendig und sprudelnd ist diese Technik, mit wie wenigem erzielt er die reichsten Effekte, sei es im grellsten Sonnenlicht, sei es in Abenddämmerung und Mondschein, wo, ohne deutlich zu sehen, die Phantasie des Beschauers alles mögliche tut und die Ideen des Künstlers weiter zu spinnen vermag.

Es ist in diesen Bildern nicht nur ein Moment wiedergegeben, sondern man meint, im Bilde weiter mitleben zu können, vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Darin liegt wohl der Hauptreiz, den die Oswald Achenbachsche Kunst auf das Publikum ausübt. Vieles wird ja die moderne Anschauung an dieser Kunst auszusetzen haben und manches sogar streng verurteilen. Dieses wird aber dem späteren Andenken des Meisters keinen Schaden tun, und die Kunstgeschichte wird in Zukunft den Namen Oswald Achenbach in goldenen Lettern stets festhalten. – – –„

Manchmal wandelte Oswald die Lust an, Landschaften mit ganz großen Figuren zu malen, aber ein Ein- und Ausgehen von Modellen war in seinem Atelier ausgeschlossen, und da er ja immer nur malen wollte, was und wie er es wirklich gesehen, und darum ohne Modell nicht hätte auskommen können, verzichtete er auf die Erfüllung dieses Wunsches. Früher mußte meine Mutter, später wir Töchter ihm oft Modell stehen. Es war erstaunlich, wie schnell er zeichnete und dabei so ähnlich, daß auch auf den Bildern die Freunde uns gleich herausfanden. Er brachte uns in allen Situationen, am liebsten auf einem galoppierenden Esel. Baron Prokesch-Osten schrieb seinerzeit meinem Vater: „Ich glaube, in der Karawane, die unten über die grüne Matte zum Klösterli zieht, Ihre liebe Frau zu erkennen, bilde es mir wenigstens ein, was mir das Bild nur um so lieber macht – – –.“ Mich malte er einmal in meiner besten Sommertoilette am Arm eines gemeinen Matrosen, am Strand von Santa Lucia bummelnd. Ich hatte ihm vor meiner Abreise dazu „gestanden“, nicht ahnend, in welche Gesellschaft er mich bringen würde. Da das Bild noch während meiner Abwesenheit bei Schulte ausgestellt wurde, bekam ich von verschiedenen Seiten darauf hinweisende Postkarten. Freunde, die aus Italien kommen, bedauern stets, daß mein Vater das Selbstporträt für die Uffizi-Galerie nicht machen wollte; bei seiner Virtuosität für alles, was Zeichnen und Staffage anbelangt, würde es ihm sicher gut gelungen sein. So fehlt sein Bild dort, – denn es sollen eben Selbstporträts sein.

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Vom Malen und von den Farben.
Von der Palette und von den Pinseln.

Vom Malen und von den Farben.
Von der Palette und von den Pinseln.

Das Malen war Oswalds größte Freude, besonders wenn es so recht aus dem Vollen ging und die Farbe buchstäblich Schatten warf! Wenn meine Mutter vorsichtig ragte, wieviel Pfund Farbe wohl auf solch einem Bilde sei, meinte er lachend: „Schönfeld will doch auch leben.“

Hatte er nicht gar zu große Sehnsucht nach den Untermalungen, die daheim im Atelier standen, so malte er auch auf unsern Reisen gerne, und es entstanden kleine, flüchtige Plagiate seiner eigenen großen Bilder. Dann „verarbeitete“ er alle Verpflichtungen an Vielliebchen, Lotterie- und Basarversprechungen. In Kissingen im grellblauen, sonnendurchleuchteten Salon und auch in Marienbad und Carlsbad lagen an regnerischen oder besonders heißen Tagen dickbemalte Pappdeckel und Brettchen auf Tischen, Stühle und Etageren, unsere und unsrer Besucher Kleider wußten ein Lied davon zu singen und nahmen auch sehr zum Schaden der Skizzchen manch dick aufgesetzten Mond- und Sonnenschein mit sich fort.

Ein ähnliches Schicksal hatte seinerzeit auch ein kleines Lichtchen auf einem Bild „Der heilige Januarius“ auf der Ponte della Maddelena in Neapel. Eines der leuchtenden Laterncen, die dem Heiligen zu Ehren neben der stets mit Blumen geschmückten Statue brennen, war zum Kummer des Besitzers ausgegangen, und mein Vater wurde gebeten, es wieder anzuzünden. In dem Laternchen hatte nämlich eine Unze oder noch mehr gelber Farbe gesessen, daher rührte die Leuchtkraft: „Aha,“ sagte Oswald, als er von der Sache hörte, „das kenne ich schon. Herr Soundso hat gewiß mit dem Nagel an das Lichtchen gefühlt.“ Er hat aber das Laternchen schnell wieder angesteckt, nachdem es zu dem Zweck ins Atelier gebracht wurde.

Mondschein, im Verein mit Kerzenbeleuchtung, wie auf dem Bilde des heiligen Januarius, liebte Oswald sehr zu malen. Besonders aber freuten ihn die drei Lichtbilder: Der Mond, der meist schon einen leichten Schein hatte, während die untergegangene Sonne noch Purpurstreifen über den Horizont zog, dazu überall brennende Laternen, erleuchtete Fenster, Raketen, bengalische Beleuchtung und Feuerwerk; je reicher der Zusammenklang der Farben wurde, desto mehr freute es ihn.

An solchen Abenden sah die Palette oft eigenartig aus. Aber ich habe immer beobachtet, daß gerade aus den sonderbarsten Paletten die schönsten Bilder hervorgingen.

Über Oswalds Verhältnis zu den Farben schrieb mir seinerzeit Baron Karl von Perfall (Köln):

„Über seine Kunst habe ich mich wiederholt dahin geäußert, daß Meister Oswald schon vor der Erscheinung des französischen Impressionismus in seiner Farbengebung dessen Ergebnisse ohne Theorie vorweggenommen hat. Ich meine den Zusammenklang kleinster Tonmannigfaltigkeiten zu der großen Harmonie, die Technik im Sinne von Handschrift ist dabei gleichgültig, ohne Stricheln und Punktieren hat er rechte Impressionen des Lichtes und seiner Wirkungen gegeben.“

Große Freude machte meinem Vater das Malen der Farbstudien. Aber gerade beim Ölmalen draußen im Freien empfand er schmerzlich die Unzulänglichkeit des Malmaterials. Das sei alles Stückwerk, sagte er dann, wenn er nur wenigstens die Sonne und den Duft malen könnte, es müßten neue Farben erfunden werden, denn er könne unmöglich mit seinem Malkasten auskommen.

Zu entmutigen war er aber nicht. Er versuchte nun die Farben, sie sie in der Sonne aussahen, auch im Schatten herzustellen. Dann wanderten wir in die Läden und suchten nach roten, gelben, violetten und tiefgrünen Stoffen, von diesen klebte er kleine Stücke wie leuchtende Klexe in die Skizze hinein, bis er die gewünschte Wirkung gefunden hatte. Dann stellte er sich aus seinem Farbkasten die Farben zusammen, die den Effekt hervorbrachten, den er draußen in der Natur so sehr bewundert hatte. Es ist wenig Positives auf diesen Blättchen, Papier und Klexe, aber die Farbstimmung ist gelöst, und tritt man zurück, so erscheinen sie wie ein fertiges Bild. Als ich meinen Vater einmal fragte, warum er diese bunten Fetzen in seine Skizze klebe, sagte er: „Ich werde mir doch nicht meine ganze Skizze verschmieren, indem ich in das Nasse hineinmale. Auf diese Weise kann ich in größter Geschwindigkeit, ohne Farbe und Pinsel, eine Menge verschiedener Effekte versuchen. Wollte ich Öl über Öl malen, so würde ich jedesmal das vorherige wieder zerstören. Und wenn ich es noch so sorgfältig wegwische, ein ganz reiner Farbton käme doch nicht heraus, – das ist wie bei der üblen Nachrede, da bleibt auch immer etwas hängen, – außerdem bedeutet mein Lappensystem eine große Zeitersparnis.“

Eine Staatsaktion war das abendliche Absetzen der Palette. Oswald behauptete dann, er präpariere sich schon aus den Farbresten, die schön im Kreis auf eine frische Palette gesetzt wurden: „Regenbogen, Gewitterwolken, faule Fische und dergleichen für das morgige Bild.“ Niemand durfte an die Palette rühren. Es war ein Ausnahmefall, wenn Johann das Absetzen vorhergegangener, peinlicher Explikation übernehmen durfte. Nachdem er ihm aber einmal einen präparierten „Sonnenuntergang“ so gründlich verdorben, daß er nur noch zu einer Schiffsladung Orangen taugte, vertraute er ihm dieses Ehrenamt auch nicht mehr an.

Auf seine Pinsel legte mein Vater weniger Wert, er sprach selten von ihnen, und ihr abendliches Reinigen war Johann auf Gnade und Ungnade überlassen.

Sein geringeres Interesse für die Pinsel kam wohl daher, daß er sie im Notfall entbehren konnte, malte er doch am liebsten mit Spachtel und Daumen.

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