Meine Mutter

Am 3. Mai 1851 hatten sich meine Eltern verheiratet, und von nun an wurden alle Reisen gemeinsam unternommen. Nur im Frühjahr 1857 ging’s noch einmal allein mit seinen Schülern und Freunden Jobst Meyer im Grunde (benannt „der Schweizer Meyer“), dem Amerikaner Irving und seinem Schwager Arnz nach Florenz, Rom und Neapel. Meine Mutter war eine geistig bedeutende Frau, heiter und witzig, und meine Eltern genossen das gemeinsame Reisen sehr. Als ich meinen Vater einmal fragte, wie seine Julie wohl damals ausgesehen habe, da sagte er mir: „Da hättest du Heß fragen müssen, der sagte, was später auch der gute Prokesch meinte: „Solche Augen, solche Gestalt und Haltung gibt es nicht wieder! Sie war hübsch, ohne regelmäßige Züge zu haben, – – für mich war sie immer die Schönste!“ Leider besitzen wir kein Porträt meiner Mutter, nur zwei allerdings sehr schöne Handzeichnungen von Max Heß und von Knaus.

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Die ersten Schüler.

Die ersten Schüler

Bis zum Jahre 1864 bewohnten meine Eltern eine hübsche Wohnung, Ecke Schadow- und Viktoriastraße, mit Gartenhaus, worin die Ateliers der Schüler lagen; denn schon Anfang der fünfziger Jahre hatte mein Vater eine ganze Anzahl Schüler. Die meisten waren gleichalterig, manche auch älter als er, aber: „all miteinander jung!“ wie Oswald zu sagen pflegte. Ich lernte in späteren Jahren verschiedene dieser ersten Schüler kennen, die sich eine Freude daraus machten, mir aus jener „herrlichen Zeit“ zu erzählen. Einer sagte mir: „Es war wirklich die höchste Zeit, daß Ihr Vater zum ordentlichen Professor an der Akademie ernannt wurde, und daß wir nun die Schülerateliers dort beziehen mußten. Auf die Dauer hätte Ihre Mutter das gar nicht ausgehalten. Wir dachten nämlich, Ihre Eltern seien vom lieben Gott eigens dazu geschaffen, uns alle Mühen und Unbequemlichkeiten des täglichen Lebens abzunehmen. Jeden Augenblick stürmten wir ungeniert ins Vorderhaus, brachten Oswald, wenn er nicht zur erwarteten Stunde bei uns zur Korrektur erschien, das nasse Bild ins Atelier oder präsentierten uns Ihrer Mutter im eben angekommenen Maskenkostüm, das nicht recht sitzen wollte oder nicht echt genug schien. Wir malten ja nicht nur mit Ihrem Vater, wir sangen und mimten unter seiner Leitung. Aber oft sagten wir uns, das muß nun aufhören, und schämten uns, daß wir Ihre Eltern bei jeder Gelegenheit in Mitleidenschaft zogen; aber trotz der besten Vorsätze – – im gegebenen Moment war es doch immer wieder dieselbe Geschichte.“

Meine Eltern haben den Schülern „aus dem Vogelhaus“, wie der Atelierbau genannt wurde, die herzlichste Erinnerung bewahrt. Dadurch, daß mein Vater sich ein eignes Haus baute, war der „Schülerwirtschaft“, wie mißvergnügte Nobili das nannten, ohnehin eine Grenze gesteckt.

Aber auch nachdem die Schüler die Ateliers in der Akademie bezogen hatten, und meine Eltern längst das selbst erbaute Haus bewohnten, wußten sie Oswald zu finden, holten ihn zu allen Zeiten oder brachten ihm wie früher ihre großen Bilder und kleinen Sorgen zur Goltsteinstraße. Und meinem Vater war es stets die größte Freude, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

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