Lehrtätigkeit

Von seiner Lehrtätigkeit an der Düsseldorfer Kunstakademie hat mein Vater zu allen Zeiten gerne erzählt. Er hatte sich ihr mit großem Eifer gewidmet, so daß sein Interesse am eignen Schaffen zeitweise sogar in den Hintergrund trat. Die Kunsthändler jammerten, daß er die versprochenen Bilder nicht abliefere, und er ließ sie jammern; denn es lag ihm vor allem daran, daß seine Schüler auf den großen Ausstellungen mit Ehren bestehen sollten. Für sie war er ehrgeizig, eine Eigenschaft, die ihm für seine Person gänzlich fehlte.

Unser Freund Professor Kolitz erzählte einst: „Als wir Schüler zuerst davon hörten, daß Ihr Vater sein Lehramt niederlegen wollte, setzten wir uns hin und heulten!“ Oswald selbst erzählte mir folgendes: „Als ich im Jahre 1872 mein Amt als Professor an der Akademie niederlegte, da dachte ich: „So, nun adieu Jugend! – Fünfundvierzig Jahre war ich alt, bald ein halbes Jahrhundert hatte ich auf dem Rücken, und meine Kunsthändler und eure Mutter meinten, ich solle nun auch einmal an den „eignen Oswald“ denken. Ich habe mich dieser Raison gefügt und glaube, ich bin von meinem 50. Jahr ab Jahr für Jahr jünger geworden, wenigstens kam es mir so vor. Aller Verantwortung ledig, konnte ich nun nach Herzenslust malen! Aber mein Lehramt hatte mir doch sehr viele Freude gemacht, der morgendliche Besuch in der Akademie war immer eine frisch-fröhliche Ausspannung und Anregung, zugegeben, daß er mich viel Zeit gekostet hat.“

Einmal fragte ich meinen Vater, ob er mir noch einige Hauptsätze sagen könne, die er seinen Schülern eingeprägt. Da mußte er lachen und meinte, er habe allgemeine Lehrsätze nicht gepredigt, aber er habe ihnen immer sehr ernstlich ans Herz gelegt, ihre Zeit auszunützen, zur Arbeit sowohl wie zum Vergnügen; mit der ganzen Kraft der frischen Jugend zu versuchen, den Pelion auf den Ossa zu stülpen, – so hätte er das auch gemacht. Und neben dem Lernen sollten sie schon mal was verkaufen, das ginge ganz gut Hand in Hand; nichts sporniere so wie der Erfolg. Unter seinen Schülern sei eine ganze Anzahl reicher, junger Leute gewesen, aber auch solche, bei denen ein verkauftes Bildchen manch heimliches Entbehren endete: „Da hieß es den jungen Leuten (denn ich spreche von den ganz jungen) so schnell wie möglich ihre hinderlichen Malmethoden abzugewöhnen,“ sagte er, „ich machte das höchst rationell. Einem rief ich immer zum Jubel der anderen schon vom Korridor aus zu, lange ehe sein Bild für mich in Sicht war: „Um Gotteswillen nicht so braun, nicht so massiv, durchsichtiger, heller, lichter!“ Einmal aber war des Jubels kein Ende. Als ich nämlich nun sah, was auf der Staffelei stand, war es eine unberührte Leinwand. Aber der kleine Dicke hat nachher ganz schön gelernt, Wolken und Staub zu malen. Allmiteinander habe ich ihnen aber gepredigt: „Braucht keine zerstörenden Farben, das ist eine Unredlichkeit.“

„Einigen mußte ich täglich wiederholen: „Ich bitt’ euch, keine Fabrik, kein Süßholz, und wer malt da wieder mit Spucke!“ Sie konnten das Tüfteln nicht lassen. Andere hatten Freude an Scheußlichkeiten, und meinten, das sei malerisch. Denen habe ich oft gesagt: „Das gewollt Häßliche wirkt manchmal als Pikanterie, auf die Dauer hat aber keiner rechte Freude dran. Überlaßt denen das Häßliche, die nichts Hübsches machen können. Geschmacksverirrungen werfen ein schlechtes Licht auf Herz und Gemüt, sowohl bei der häßlichen wie auch der grausamen Darstellung, und ein ganz magerer und verhungerter Esel, – der auch noch gleich die Peitsche kriegt, – das ist nicht schön und auch nicht malerisch, denn das verletzt.“ – –

Einmal sagte er mir: „Einige Leute glauben, schmutzig und häßlich sei so ungefähr gleichbedeutend mit malerisch. Malerisch im allgemeinen Sinn hat mit hübsch und häßlich nichts zu tun. Für uns Künstler ist aber „malerisch“ eine Gefühlssache, die wie das Taktgefühl beim einen so weit und beim anderen so kurz entwickelt ist.“ –

Da ich aber gerne mehr vom „Malerischen“ hören wollte, erzählte er mir die Geschichte einer eleganten Römerin, die einer armen, jammernden, in Lumpen gehüllten Zigeunerin eine Lira reichte und kopfschüttelnd sagte: „Aber, liebe Frau, wie können Sie nur unglücklich sein? – Sie sind ja so malerisch!“ – Dann hielt ich mir die Ohren zu, denn die Geschichte kannte ich seit langem. Als ich ihn einmal fragte, ob seine Schüler auch immer zum Grafenberg und in den Bilker Busch gelaufen seien, sagte er mir: „Ich habe ihnen immer gesagt: „Probiert nicht im Atelier euch was zusammen zu komponieren, lauft hinaus und seht es euch an; lernt es auswendig, wenn ihr keine Zeit habt, es draußen zu skizzieren, und lauft dann schnell ins Atelier und malt es.“ Dies Rezept scheint mein Vater allerdings oft verschrieben zu haben; denn als ich Freunde und Schüler um Erinnerungen bat, wurde dies in Variationen immer und immer wieder erzählt. Einem Schüler, der sich draußen Heu und Stroh ansehen sollte, hatte er sogar gesagt: „Wenn Sie nun genau wissen, wie es aussieht, dann schnell zum Bild, und will Sie jemand zu einem „Bubbel“*) verleiten, so laufen Sie fort und rufen ihm zu: „Ich habe keine Zeit! Ich habe Heu und Stroh im Kopf!“ Ein anderer wurde auf die Wiese geschickt und hatte dann natürlich Gras im Kopf.

*) Unterhaltung.

Seine Schüler berichten alle gerne aus ihrer Akademiezeit und behaupten, mein Vater sei ein vorzüglicher Lehrer gewesen. Folgendes erzählte mir ein lieber Freund, der auch in seiner Jugend unter Oswalds Leitung an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte:

„Wir holten Ihren Vater stets, wenn ein Bild fertig war und zur Ausstellung sollte. Immer kam er gerne und freundlich, aber beim Anblicke des Bildes kniff er dann oft das eine Auge zu, machte ein eigentümliches Gesicht, setzte sich und steckte sich umständlich eine Zigarre an, sprach und erzählte, anscheinend ohne Interesse für das Bild. Auf einmal sprang er auf, griff nach meiner Palette, öfters auch nur nach einer Tube Zinnober, Kadmium oder Kremser Weiß und setzte mit der Spachtel oder dem Daumen einen leuchtenden Klecks ins Bild hinein. Dann atmete er erleichtert auf. „Ja, das fehlte,“ sagte er, und wir sahen mit Staunen, daß das vordem leblose Bild erwacht war, – da schien ja auf einmal die Sonne!

Aber wenn wir dann versuchten, aus dem Kremser Weiß ein Kopftuch oder aus dem Kadmium ein sonnenbeleuchtetes Fenster zu malen, wie er geraten, dann war aller Sonnenschein wieder verschwunden, und wir versuchten zu ergründen, wie es kam, daß in seinen Bildern die Wirkung blieb, und wenn sie auch noch so fein ausgeführt waren!“

Wie wohltuend seine Art auf die jungen Leute einwirkte, geht aus folgendem Briefe des Baron von Türke (Dresden) an meinen Neffen Robert von Weiler hervor:

„Ich muß damit anfangen, es auszusprechen, wie wir Schüler alle an unserm verehrten Lehrer gehangen haben, nicht nur seiner persönlichen Liebenswürdigkeit wegen, sondern auch wegen seiner so interessanten und uns von großem Nutzen seienden Art zu lehren. Der Ernst, mit de er seines Lehramtes waltete, war so hübsch durch urwüchsigen Humor gewürzt, daß wir uns immer schon auf sein Kommen freuten.

Trat er mit einem fröhlichen „guten Morgen“ herein, so warf er seinen Mantelkragen über die Schulter zurück (irre ich nicht ganz, so setzte er seinen Hut in den Nacken) und ließ sich von uns Feuer geben, weil er ohne seine Zigarre nicht korrigieren könne. Und nun zogen wir mit ihm von einer Staffelei zur andern, um uns ja keine seiner Bemerkungen entgehen zu lassen.

Freilich wurde man bisweilen unter dem Gelächter der anderen rot, wenn man einen richtigen Wischer bekam; doch das traf ja den einen wie den andern und tat der guten Kameradschaft keinen Abbruch. Seine Hiebe konnten auch bisweilen recht kräftig sein, aber, wie gesagt, immer in so hübscher Art ausgeteilt, daß man sich doch nie gekränkt fühlte. Und dabei sprach er uns öfter sein Bedauern aus, daß er nicht so scharf sein könne wie sein Bruder; was der einem gesagt hätte, wäre man sobald nicht wieder losgeworden.“

Zigarre, Hut, Stock und Havelock spielten, wie’s scheint, eine große Rolle beim Korrigieren der Bilder. Professor A. Lutteroth (Hamburg), ein Schüler meines Vaters 1864–1867, schrieb mir über eine vorzügliche Karikatur, die er besitzt und die ein anderer Schüler meines Vaters, Carl Seibels, gemacht hat, die eine Szene darstellt, wie „Oswald im Havelock, Hut auf dem Kopf, Zigarre natürlich im Mund, Stock in der Hand, umgeben von Th. Hagen, Jacobi, Seibels und mir (Lutteroth), an einem Bilde demonstriert“.

Über meines Vaters Art zu unterrichten, hatte seinerzeit sein Freund und Schüler Professor L. Kolitz, bis vor kurzem Direktor der Kasseler Kunstakademie, ausführlich berichtet. Der Brief ist an meine Schwester, Frau von Borries (Kassel), gerichtet und lautet, wie folgt:

„Sie wünschen, verehrte Frau, daß ich über die Tätigkeit Ihres Vaters, des Professors Oswald Achenbach, als Lehrer berichten soll; ich will es versuchen mit dem Gefühl größter Dankbarkeit und Verehrung gegen den Mann, der meine Jugend zu wahrer Kunstanschauung geleitet hat und mich seiner Freundschaft würdigte. Seitdem ich sein Schüler, habe ich keine Arbeit begonnen und durchgeführt, ohne seiner Lehre bewußt zu sein.

Das Hauptgewicht in seiner Lehrtätigkeit legte Oswald Achenbach auf die Komposition in dem Sinne, daß das Motiv, die Gegenstände eines Bildes, sich der effektvollen Verteilung von Helligkeit und Dunkelheit, der geschmackvollen Wirkung der Farbentöne unterordnen müßten. Seine unerschöpfliche Kenntnis der Belichtungsbedingungen, der darzustellenden Gegenstände im Freien, seine Studien und sein Wissen von der Darstellung des Sonnenlichts zu jeder Tageszeit, auch des Mondlichts, die Belichtung der einzelnen Gegenstände, besonders auch des Figürlichen, der Menschen und Tiere durch den darüberliegenden Himmel, ob blau und Luft oder beleuchtete Wolken, gab ihm Gelegenheit und Fähigkeit, jedem Schüler die Farbe der Gegenstände des Bildes anzugeben, um sie zu natürlicher plastischer Wirkung zu bringen und die Schüler anzuregen, auf den Studienreisen diese Dinge selbst zu beobachten. Um sich verständlich zu machen, griff er manchmal zur Palette des Schülers und malte mit breiten Pinselstrichen, indem er den Lichteffekt des ganzen Bildes änderte, worüber der Schüler zunächst sehr unglücklich war; ein andermal versuchte er eine Einzelheit im Bilde zu größerer Vollendung zu bringen, um dem Schüler weiter zu helfen; das letztere geschah besonders selten, niemals aber bei den talentvollern und selbständigern Schülern, er wußte der Selbständigkeit, der besondern Begabung eines Schülers aufs äußerste zu folgen. Nebenbei verwies er auf die Bilder seines Bruders Andreas, auch auf die Kompositionen Turners.

Ein besonderes Fest war es für uns Schüler, wenn wir bei seinen großen Dekorationen, in Leimfarbe gemalt, zu den Musikwerken z. B. der Pastorale, des Oratoriums Paulus usw. mitarbeiten durften. Wir sahen staunend die Leichtigkeit der Komposition, sein Wissen und seine Geschicklichkeit, staunend nahmen wir wahr, wie Komposition und Farbengebung sich der musikalischen Idee anschlossen, sie offenbarten, selbst zu Musik in Farbentönen wurden.

Die Namen derer, die mit mir zu gleicher Zeit Oswald Achenbachs Schüler waren, sind: Theodor Hagen, Seibels, Hertel, Willberg, Calame (Sohn), Johannes Hermes, Wragge, Schneider, Harrer, von Bochmann und Lutteroth.“ – –

Professor Gregor von Bochmann äußerte sich folgendermaßen:

„Zur Zeit meines Eintreffens in Düsseldorf befand sich die Kunstakademie in einem Übergangsstadium. Direktor Bendemann hatte sein Lehramt an der Akademie aufgegeben, und es ging das Gerücht um, auch Professor Oswald Achenbach gedenke das gleiche zu tun. Da galt es für mich, so bald als möglich Schüler dieses Meisters zu werden. Wenn ich auch nur ganz kurze Zeit seine Lehrtätigkeit genossen, so ist mir doch die eindrucksvolle Art unvergeßlich geblieben. Dieselbe war auf das Wichtigste der bildlichen Darstellung, ich möchte sagen, auf das Gerüst des Bildes, wie sich dasselbe in Licht und Schatten aufzubauen habe, gerichtet. Zu diesem Zwecke skizzierte er oft mit Kohle an der grauen Wand unserer Klasse, wie er eine Arbeit eines Schülers, die er sich zur Korrektur ausersehen, gewandelt haben wollte. Hierbei ist zu bemerken, daß er meistens absah, über jede Arbeit etwas zu sagen. Er ging vielmehr mit sämtlichen Schülern der Klasse von Staffelei zu Staffelei, und nur, wo er glaubte, im Interesse der Gesamtheit etwas bemerken zu müssen, setzte seine Kritik ein. Diese sprühend lebendig, nicht selten ohne einen ironischen Beigeschmack. Dabei ergriff er oft Pinsel und Palette, und war es ein Vergnügen, zuzusehen, mit welcher Leichtigkeit er den oft trockenen Arbeiten zu leuchtendem Leben verhalf. In seiner Klasse wurde man nicht müde bei der Arbeit, er sorgte, daß man nur Lust am Malen bekam. Bei Fertigstellung eines Bildes sagte er: „Fangen Sie mit demjenigen Stück des Bildes an, über dessen Kenntnis Sie souverän verfügen, es wird ja auch gewöhnlich dasjenige sein, weshalb das Bild überhaupt gemalt wurde, und bringen Sie es in allem so weit wie möglich, dann werden Sie schon gezwungen sein, mit den andern Stellen des Bildes in der nötigen Ausführung nachzufolgen.“

Ich darf einen alten Freund meines Vaters nicht vergessen, der sich gern sein Schüler nannte, der aber doch aus den Jahren, wo man zulernt, heraus war. Er brache oft seine Bilder per Droschke ins Atelier. Mein Vater malte ihm dann einfach etwas „darüber“. Einmal hatte er mich gebeten, doch nach unserm Mittagsspaziergang mit meinem Vater in sein Atelier zu kommen. Sein Bild wolle nicht werden, und er müsse es in den nächsten Tagen abliefern. Wir gingen hin. Oswald war noch nicht im Atelier, als er schon rief: „ Aber wie kannst du denn so wüschte Weiber malen; wenn das junge Mädchen sein sollen, so müssen sie schlank sein, kleine Köpfchen und feine Hälschen haben, und das sollen doch junge Mädchen vorstellen. Die in der Ecke da, das kann schließlich eine Alte sein, aber sie hat trotzdem zu kurze Beine.“ Dann lobte mein Vater die Stimmung des Bildes, doch hieß es auf einmal; „Ich weiß nicht, aber ich mag den Kirchturm nicht.“ – – „Ich finde ihn sogar scheußlich,“ sagte unser Freund, halb lachend, halb wütend, „müßte ich das Bild nicht Ende der Woche abliefern, so hätte ich schon lange mit dem Fuß dadurch getreten.“ – „Ach was,“ sagte mein Vater, „hier genügen halbe Maßregeln, wir lassen ein paar Fahnen um den Kirchturm wehen, und über die häßlichen Balustren hängen wir einen schönen großen Teppich und die Mädchen, da sieh mal her“ – – – und schnell hatte er die Spachtel zur Hand und mit der Spachtel, schwipp, schwapp, schwupp, bekam jedes Mädel provisorisch von derselben Farbe eine Bordüre an den Rock und wurde dadurch gleich um einen Kopf größer. Und vom Kirchturm wehten bald ein paar lange Fahnen und verdeckten gnädig die Mängel der Architektur. Unser Freund war strahlend. Aber Oswald sagte ihm lachend zum Abschied: „Freund, laß dich beraten! Ob Kirchturm, ob Mädel, nimm dir nie ein häßliches Modell!“

14-achenbach-2001_2-FT-142.jpg

 

Oswald Achenbach und die Musik.

Oswald Achenbach und die Musik

Nach dem Malen nahm die Musik den größten Platz in Oswalds Herzen ein. Mit 18 Jahren war er schon unter den Gründern der Liedertafel. Nicht umsonst steht in der Malkastenchronik zu lesen:

Doch in Italiens Sonnenglut
Da taucht der Pinsel kühn
Sein Bruder Oswald wohlgemut,
Auch wirkt er – op der Bühn
Als strammer Buffo-Tenorist,
Sogar als Opernkomponist.

Schon im Jahre 1845 hatten sich die musikalischen Elemente unter den Düsseldorfer Malern zusammengeschart und die Künstlerliedertafel gegründet. Ihre Wiege stand nach Lüdecke in einer kleinen Bretterbude in der Nähe des früheren Bergisch-Märkischen Bahnhofs, also in der Gegend des jetzigen Apollotheaters. Aber schon seit vielen Jahren trafen sich die singenden Maler und Akademiker, Flamm und Oswald an der Spitze, zu den gemeinsamen Leberwurst-Abenden im sogenannten Rosenkränzchen. Das Rosenkränzchen ist eine heute noch bestehende, nahe der Großen Kirche gelegene Kneipe und hat ihren Namen von den vielen geistlichen Herren, die dort nach der Abendandacht (dem Rosenkranz) ihr Schöppchen tranken und gerne die Tür ihres Privatstübchens öffneten, um den frischen Stimmen zu lauschen, die ihre Quartette einübten, die beabsichtigten abendlichen Ständchen beredeten, ihre Studienausflüge festlegten und unter jubelndem Gelächter die Karikaturen ihrer Akademieprofessoren an die Wand malten. Dann kamen wohl die geistlichen Herren mit ihren Gläsern und Fläschchen zu ihnen herein, und ihnen zu Ehren gab es dann oft noch eine Extravorstellung. Denn frisch wie die Leberwurst und wie die warmen Berliner waren auch die Theaterstücke, die aufgeführt wurden, im Spielen erfunden. Die Rollen wurden verteilt, und man überraschte sich gegenseitig durch die Entwicklung oder Verwicklung des Stückes. Mein Vater meinte, sie hätten sich nie besser amüsiert als bei diesen improvisierten Aufführungen, es sei unglaublich, wieviel Unsinn man in der Jugend vertragen könne.

Theaterstücke schreiben und aufführen, war zeitlebens seine größte Freude. Oft sagte er mir: „Ich war fürs Theater geschaffen; schon als kleiner Bub hatte mich Derossi, der damalige Theaterdirektor in Düsseldorf, der mit meinen Eltern befreundet war, auf die Bretter gebracht. Mit Flügeln, Pfeil und Bogen habe ich als Amor im Lumpacivagabundus auf der Leiter der Fortuna gestanden, und dieser Leiter verdanke ich sicher das Glück, das mich im Leben begünstigt hat. Aber sie hat auch wohl meine Vorliebe und Begeisterung für alles, was Theater ist, verschuldet. Zum Oberregisseur oder Theaterdirektor hätte ich sicher am besten gepaßt, aber so recht aus dem Vollen heraus wie Goethe und Karl August.

Wir machten es wie sie, wir schrieben die Stücke selbst, wir spielten sie, ich gab meistens den Liebhaber. Goethe hat das ja auch getan; es sollte mich nicht wundern, wenn er mit Freu von Stein zusammen Kostüme für ihre Aufführungen gezeichnet und ausgesucht hätte. Bei uns mußten die Damen auch immer helfen, deine gute Mutter hat einmal an einem Nachmittage 45 Knappenkappen umgarnieren müssen. Auch den Regen mußten sie nähen, aus feinem Tüll mit Glasperlen. Die Dekorationen malten wir natürlich auch selbst, und außerdem komponierten wir uns die schönste Musik dazu. Meine Schüler und ich wußten manchmal nicht recht, waren wir Maler, Schauspieler oder Musikanten.

Die Liedertafel hatte lange kein eigenes Heim gefunden. „Es ging ihr wie der Liebe,“ sagte Oswald, „sie mußte wandern, von einem Ort zum andern.“ Sie vagabundierte und hat, bis sie sich schließlich als „singender Malkasten“ mit diesem verschmolz, vorübergehend in den verschiedensten Lokalen getagt.

„Es war im Jahre 1861,“ schrieb mir Eduard von Gebhardt, „damals wiederholte Ihr Vater im Malkasten die zauberhaften Szenen vom Sommernachtstraum. Ich wirkte als ehrsamer Frosch mit; mit sprühender Lebendigkeit leitete er die Sachen: hier sang er, dort ordnete er an, dort machte er einem etwas vor. Es war ja überhaupt eine interessante Periode in der Geschichte des Malkastens (Ihr Vater war die Seele vom Ganzen), wo die drei Männer: Ihr Vater, Max Hess und Julius Tausch alle möglichen Dinge in Szene setzten. Die „drei Blinden“ von Hans Sachs mit Mozartscher Musik, Shakespeares „Was Ihr wollt,“ „Wallensteins Lager,“ „Paulus“, vor allem die Pastoralsymphonie“, wurden in originellster Weise vorgeführt.“

Da war mein Vater allerdings in seinem Element. Wenn Freund Gebhardt aus dieser Zeit erzählte, wo er als ehrsamer Frosch im Sommernachtstraum mitgewirkt hatte, war auch er genau so demonstrativ wie Oswald. An einem Donnerstagabend stand er plötzlich vom Tisch auf und setzte sich zum Jubel der Bedienung platt auf die Erde, um zu zeigen, wie der Bettler im Paulus gesessen hatte oder hätte sitzen sollen. Daß mein Vater die Dekorationen selbst malte, habe ich schon erzählt. A. Lüdecke nannte diese Dekorationen kleine Bühnen-Kabinettstücke und meinte, solche seien in ihrer Qualität wohl an anderer Stelle nicht mehr gesehen worden. Am meisten bewundert wurden die Wandeldekorationen zur „Pastorale“ sowie die Bilder zu der Oper „Die Narren des Grafen von der Lippe“. Zu den „Drei Blinden“ hatte auch Andreas eine Dekoration gemalt, einen romanischen Klosterhof im Schnee, der alle entzückte und der jetzt noch im Malkasten vorhanden ist.

Für die großen Aufführungen, die sich einer besondern Popularität erfreuten, reichten nun aber weder die Bühne noch der Zuschauerraum des Malkastens aus. Da mußte der große Geißlersche Saal (der jetzige Rittersaal der städtischen Tonhalle) aushelfen, und in diesem Saale, wo Mendelssohn (1836) die Uraufführung seines „Paulus“ selbst dirigierte, brachte mein Vater vierunddreißig Jahre später zur 25jährigen Stiftungsfeier der Künstlerliedertafel den „Paulus“ auf die Bühne: als „dramatische Darstellung unter freier Benutzung des Oratoriums von Felix Mendelssohn-Bartholdy, erfunden und in Szene gesetzt von Oswald Achenbach.“ Regie Oswald Achenbach, dirigiert von Julius Tausch.

Die Dekorationen zum „Paulus“ malte mein Vater mit seinen Schülern gemeinsam. Ich erinnere mich lebhaft der riesigen Dekorationen, die im Skating-Rink-Lokal am Wehrhahn gemalt wurden. Bei den Paulusdekorationen malten Kolitz, Albert Hertel, Johannes Hermes und Theodor Hagen eifrigst mit. Meines Bruders größtes Interesse war das bewegliche Pferd, von Emil Hünten gemalt und von Otto Windscheidt, einer im Malkasten sehr populären Persönlichkeit, konstruiert, von dem Saulus, vom Blitz geblendet, heruntersinkt. Auch das Probieren des Blitzens war sehr unterhaltend. Oft trennte sich Saulus aber auch ohne Blitz vom Pferd. Der gute Salentin kühlte dann abends sein Mütchen an Paulus’ Pferde und Blitz und sagte lachend zu meiner Mutter: „Und wenn der Windscheidt noch so wütend ruft: „Pitter, jank blitze,“ der Blitz bleibt aus, aber der Paulus kommt herunter, und wenn ausnahmsweise der Blitzstrahl funktioniert, dann versagt die Mechanik vom Pferd, und der Saulus bleibt oben.“

Über die musikalischen Aufführungen, die mein Vater veranstaltete, hat einer seiner Schüler, Albert Lüdecke, einen hübschen Aufsatz geschrieben, dem ich folgendes entnehme: „Diejenige Korporation, für die Oswald Achenbach seinerzeit sich betätigte, war der Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten. Billig erscheint es hier, vorweg zweier Männer zu gedenken, die Meister Oswald bei seinen Bühnendarstellungen wesentlich unterstützten. Es waren dies der von München aus früh nach Düsseldorf übergesiedelte Maler Max Heß und der damals an der Spitze jeder Musikbetätigung stehende Königliche Musikdirektor und hochbegabte geniale Komponist Julius Tausch. Der bei weitem Genialste bei diesen Unternehmungen war aber Oswald Achenbach selbst, auch in musikalischer Beziehung. Im Jahre 1850 wurde auf der kleinen Malkasten-Bühne die Burleske „Pannemanns Traum“ aufgeführt:

„Pannemanns Traum“
ein Opernragout von Oswald Achenbach mit ihm selbst in der Rolle als Pannemann.

Im April 1856 gelangte „Eulenspiegel und die drei Blinden“ von Hans Sachs zur Aufführung:
Eulenspiegel und die drei Blinden
Unter Benutzung Mozartscher Opern in Musik gesetzt von Oswald Achenbach.

Am 31. Januar 1861 als erste Aufführung:
„Die Pastoral-Symphonie“
von Ludwig van Beethoven mit begleitender landschaftlicher und pantomimischer Darstellung, letztere erfunden und in Szene gesetzt von Oswald Achenbach. Die Dekorationen gemalt von Oswald Achenbach. Die Symphonie dirigiert von Julius Tausch.

Am 2. April 1870 war die erste Aufführung des „Paulus“. Lüdecke erzählt darüber: „Dieses Unternehmen Meister Oswalds hatte beiläufig unter den Musikern viel Staub aufgewirbelt, ja stellenweise Stürme der Entrüstung entfesselt. Man sagte, es hieße die Grenzen der verschiedenen Künste verwischen usw. Der damalige Musikreferent und Kritiker der Kölnischen Zeitung, Bischof, hatte, als er nur erst davon erfahren, ohne noch etwas gesehen zu haben, einen geharnischten Artikel in obigem Sinne geschrieben. Nachdem er jedoch die nächste Aufführung besucht hatte und ihr mit vielem Interesse gefolgt war, brachte er ein sehr ausführliches Referat darüber und schrieb zum Schluß: „Man mag sagen, was man wolle, schön war es, doch!“

Ein endloses Disputieren gab es im Herbst 1888 im Marienbad zwischen meinem Vater und Josef Joachim über die Dramatisierung des „Paulus“, mit der dieser sich nicht befreunden konnte. Meine Mutter, Ludwig Passini, mit dem wir dort täglich zusammen waren, und ich hatten unser größtes Vergnügen, wenn die beiden, nachdem sie sich kaum begrüßt, gleich wieder im erbittertsten Kampf über den „Paulus“ lagen. Anders Rubinstein, der seinerzeit nicht ruhte, bis er eine persönliche Begegnung mit meinem Vater herbeigeführt. „Weil er sich unter allen Umständen mit ihm aussprechen müsse,“ und er erzählte später verschiedentlich, daß er den Atelierbesuch bei Oswald Achenbach nie vergessen, und daß er durch ihn einen ganz neuen Antrieb und neue Aufmunterung für seine Idee der geistlichen Oper erhalten habe.

Die Rheinisch-Westfälische Zeitung äußerte sich über den Einfluß, den die Musik auf Oswalds Kunst ausgeübt, folgendermaßen: „– – Es ist natürlich, daß sich eine Kunst, die im Hause des Meisters an erster Stelle gepflegt wurde – die Musik – auf die künstlerische Sprache des sensiblen Künstlergemütes Einfluß gewinnen mußte, hat er doch in seinen besten Jahren in Gemeinschaft mit seinen Freunden, dem Musikdirektor Tausch und dem Figurenmaler Heß, sogar den „Sommernachtstraum“ und den „Paulus“ von Mendelssohn selbständig auf die Liebhaberbühne gebracht. So kommt es, daß durch seine Bilder ein geschlossener Zug, ein harmonischer rhythmischer Klang geht, gleichsam, als wenn die Musik auf sein künstlerisches Tun und Lassen bestimmend eingewirkt hätte.“ –

Der „Paulus“ blieb übrigens die letzte der Aufführungen, die mein Vater veranstaltet hat.

Das Interesse an der Liedertafel schwand dann mehr und mehr aus seinem Leben, aber ein treues Andenken hat er ihr stets bewahrt; denn alle Erinnerungen einer heitern Jugendzeit waren mit ihr verknüpft.

15-achenbach-4107-1.jpg