Jugendzeit

Die Familie Achenbach stammt aus der Provinz Hessen-Nassau, aber ein Zweig verpflanzte sich nach der Sieg. Schon 1337 adelig, verzichteten die Achenbachs später auf den Adel und übertrugen den größten Teil ihrer Besitzungen auf einen Orden in Marburg.

Woher die Begabung der Brüder Andreas und Oswald für die Malerei stammt, wissen wir nicht. Ihr Vater nannte sich Kaufmann, war aber mehr Dichter und Schriftsteller. Ihr Großvater reiste ohne festen Beruf in der Welt herum und versuchte sich in Entdeckungen und Erfindungen. Die Mutter, Frau Christine, war eine geborene Zülch. Ihre Familie stammt aus Hessen-Cassel, war sehr begütert und merkwürdigerweise dem sonst so unbeliebten Kurfürsten Wilhelm IX. herzlich ergeben; Großmutter erzählte uns, daß ihr Vater zu der Zeit, als der Kurfürst vertrieben wurde, verschiedene von dessen Kunstschätzen angesteigert habe, die er demselben bei seiner Rückkehr wieder zustellte. Auf diese und ähnliche Züge hin, auch bei den Großeltern Achenbachscher Seite, ließe sich wohl die Großzügigkeit, welche Andreas und Oswald in allen Lebenslagen charakterisierte, und welche ihnen auch persönlich viele Freunde erwarb, zurückführen, wogegen, wie gesagt, nirgends eine Spur zu finden ist, die bewiese, daß ihre künstlerische Begabung ererbt.

Unsere Großeltern verlebten die ersten Jahre ihrer Ehe in Cassel, wo ihnen das erste Kind, Andreas, geboren wurde. Da aber Großvater Hermann sich nirgends lange wohlfühlte, beschloß er eines Tages, nach Düsseldorf überzusiedeln.

Hier erblickte mein Vater am 2. Februar 1827 das Licht der Welt, und zwar zu Pempelfort, in dem gleich neben dem Schlößchen Jägerhof gelegenen Hause Rönz, in einem Zimmer des ersten Stockes, merkwürdigerweise unter einem kolorierten Kupferstich, einen Ausbruch des Vesuv*) darstellend. „Wenn das kein Omen war!“ hat mein Vater oft lachend gesagt. Dieser Vesuv war ein sehr stark feuerspeiender Berg. Blutrot und golden schießen die Feuerwolken, Säulen und Flammen zum nächtlichen Himmel empor. Oswald hat den „alten Herrn“, wie er den Vesuv zu nennen pflegte, später allerdings anders aufgefaßt und wiedergegeben; eine Eruption von solch blendender Pracht hatte er wohl einzig und allein auf dem Farbstich, der über seiner Wiege hing, bewundern können.

*) Éruption du Mont Vésuve 1779. Gravé d’après le dessin original del Segnor Alexandre d’Anna, peintre du Roi de Naples. Der Stich ist im Besitz meiner Schwester, Frau von Borries.

Auf die Dauer vermochte aber auch Düsseldorf unseren Großvater nicht zu fesseln, und so führte er seine Familie nach München, überzeugt, diesmal das Richtige getroffen zu haben. Andreas blieb in Düsseldorf. An die schöne Isarstadt knüpften sich für Oswald die liebsten Jugenderinnerungen, dort erwachte seine Liebe zur Natur, dort fühlte er schon als Knabe, daß er ein Maler war.

Die großen Fußtouren ins bayerische Gebirge, über den St. Bernhard und den Gotthard, die er und sein Vater gemeinsam wie zwei gute Kameraden unternahmen, sind ihm unvergeßlich geblieben. Er behauptete, seinem Vater vieles zu verdanken. „Frohnatur und Hang zum Fabulieren habe ich auch nicht gestohlen,“ sagte er einmal lachend; „mein Vater war ein Dichter von Gottesgnaden.“ Daß der Dichter von Gottesgnaden nebenbei ein sehr schlechter Geschäftsmann war und sich über seine verfehlten Spekulationen nicht einmal sonderlich aufregte, erzählte er mir auch in einer schwachen Stunde.

Schade, daß Großvater Hermanns Schriften nicht für die Öffentlichkeit erschienen sind, seine Reisetagebücher über Amerika und Rußland sind sehr unterhaltend. Daß er den Thomas a Kempis in Hexameter setzte, schien uns Kindern eine Geschmacksverirrung, dagegen liebten wir seine Reiselieder. Als „Oswald“ (wie auch wir Kinder ihn gerne nannten) seinem Vater durch die Schule mehr und mehr entzogen wurde, verlor dieser allmählich die Freude an München und führte kurz entschlossen seine Familie nach Düsseldorf zurück. Mein Vater war noch ein Kind, als er dort zuerst die Akademie besuchte; der zwölf Jahre ältere Bruder führte ihn dort ein. Aber Oswald hielt nicht viel von akademischer Weisheit und dumpfen Schulsälen, um so mehr vom Studium in der freien Natur, wie er es unter seines Vaters Leitung gelernt. „Ganz zu umgehen war die Akademie ja nicht,“ – sagte er oft lachend, „obgleich ich es stets im weitesten Bogen versuchte; manchmal wurde ich doch eingefangen, und dann hieß es fürs erste: „Adieu Bilkerbusch und Grafenberg!“ Aber was ich daraus gelernt habe, das habe ich draußen gelernt. Alles, was ich kann, verdanke ich meinem Fleiße und der Natur!“ Einmal fragte ich ihn, ob seine Schüler sich auch so ablehnend gegen ihn verhalten hätten, wie er gegen seine Professoren seligen Andenkens? – „Ach was,“ sagte er, „das ist gar kein Vergleich. Die alten Herren an der Akademie hatten absolut kein Verständnis für uns „Junge“, meine Schüler waren meine Freunde, wir trieben alles gemeinsam: Malen, Kegeln, Singen, Theaterspielen. Mit dreiundzwanzig Jahren hatte ich meine ersten Schüler, und mit fünfundvierzig legte ich die Professur an der Akademie überhaupt schon nieder. Wir waren eben zusammen jung, meine Schüler und ich!“

Mit Hans Gude, Knaus, Des Coudres und Flamm hatte mein Vater ein Freundschaftsbündnis fürs Leben geschlossen. Im Jahre 1848 verlobte er sich mit Julie Arnz, der Tochter des Düsseldorfer Verlagsbuchhändlers Heinrich Arnz, der ein großes Haus, ein ehemaliges Beguinenkloster in der Ratingerstraße, bewohnte, wo Maler und Musiker, Schriftsteller und Buchhändler vielfach verkehrten. Dieser in stürmischer Zeit geschlossenen Verlobung folgte die glücklichste Ehe, die nur der Tod getrennt hat.

02-achenbach-4364-1.jpg

 

Nach Italien!

Nach Italien!

In das Revolutionsjahr fällt auch die Gründung des Malkasten. Oswald, Gude, Flamm, Knaus und Des Coudres waren natürlich unter den Gründern. Und dann begann die schöne Zeit der ersten größeren Studienreisen. Während Knaus mit den viel älteren Freunden Fay und Salentin in den Schwarzwald zog, fuhr Oswald ins bayerische Gebirge, das ihm von seiner Kindheit her ans Herz gewachsen war, und nach Tirol, später gemeinsam mit Flamm und andere Freunden nach Oberitalien, Rom und Neapel. Quartette singend waren die Freunde in der offenen Postchaise über den Gotthard gefahren. Quartette singend fuhren sie in Venedig durch die Lagunen und Kanäle und ernteten reichen Beifall. Sie verursachten sogar auf dem Marcusplatz einen begeisterten Volksauflauf. Als sie aber nach Florenz kamen, war ihnen die laute Lust vergangen. Zum erstenmal standen sie staunend all den Herrlichkeiten gegenüber. Mein Vater sagte: „Die Kunstschätze hatten uns überwältigt, fürs erste war’s zu viel, und wir zogen wieder hinaus und ließen alles in uns nachtönen.“ Oft erzählte er mir von dem herrlichen Ausblick, den er auf dem schmalen Bergrücken hinter Camaldoli immer und immer wieder suchte. Auch die berühmte Abtei war ihm ans Herz gewachsen. Die frommen Brüder waren die besten Freunde der Maler und Oswalds liebste Staffage; er konnte ihre Vertreibung aus den Bergklöstern auch nicht verschmerzen und meinte, nun hieße es überhaupt: „Gute Nacht, Poesie und Romantik!“ Am liebsten hätte er sein Quartier bei ihnen aufgeschlagen, denn die kleinen Osterien in den Bergnestern waren meist nur Spelunken und wimmelten von verdächtigem Gesindel. Einmal hatten sie mit einem höchst unsicheren Kumpan nicht nur dasselbe Zimmer, sondern auch dasselbe Bett teilen müssen, bis berittene Karabinieri ihn aus ihrer Mitte arretiert und abgeführt hatten.

In Rom sahen sie Garibaldi und schlossen sich den tollten Ovationen an, die besonders die Amerikaner und Engländerinnen dem Freiheitshelden brachten. „Ein enthusiastischer Amerikaner“, erzählte Oswald, „war uns aber über; er stieg auf eine Leiter, die er an das im ersten Stockwerk liegende Fenster Garibaldis gelegt, und besah ihn sich auf diese Weise, denn unser Held war krank oder ovationsmüde, jedenfalls ließ er niemand zu sich hinein.“

„Interessanter wie Garibaldi war mir Pionono. Für mich war er in Poesie und Romantik gehüllt. Ich hatte auch das Glück, einmal von ihm gesegnet zu werden, und das kam so: Mit Schirm und Malkasten beladen, kam ich am Abend eines schweren Arbeitstages von draußen aus der Campagna. Es fing schon an zu dämmern, der ganze weite Petersplatz war einsam, da sah ich die päpstliche Equipage heranrollen. Schleunigst kniete ich nieder; Pionono beugte sich vor, lächelte mich an und segnete mich!“ – Mein Vater hat dieses Lächeln nie vergessen, und Pius dem Neunten hat er stets eine besondere Zuneigung bewahrt. Verschiedentlich hat er ihn gemalt, und ein ganz großes „Piononobild“ stand in seinem Atelier, als er starb.

Erzählte mein Vater von seiner ersten Ankunft in Neapel, so begeisterte er sich immer aufs neue. „Nie“, sagte er, „vergesse ich den Eindruck, den ich empfing, als ich zum ersten Male im Hafen von Neapel landete! Kein späteres Bild hat die Erinnerung an diese überwältigende Herrlichkeit erreichen können. Der Himmel, der Strand, das Meer, der Vesuv hatten eine Färbung, die ich nirgendwo anders gesehen. Dieser Eindruck war entscheidend für mein Leben und für meine Kunst!“

03-achenbach-4752-11.jpg