Die Skizzenbücher

Dass Oswald lieber malte als zeichnete, hat er stets lachend zugegeben. Trotzdem besitzen wir eine große Anzahl Skizzenbücher und viele, viele Zeichenmappen, besonders aus den Jahren 1845, 48, 50 und 57. Wie sauer mag es ihm wohl oft geworden sein, den ganzen Morgen zu zeichnen, wenn die Sonne und all die Herrlichkeit lockte und er seinen Farbkasten neben sich hatte. Manche von den großen Zeichnungen aus jener Zeit, zu denen er sehr großkörniges Papier verwandte, haben denn auch etwas von dem so nahen Farbkasten abbekommen. Himmel, Wölkchen, Mühlbachstaub sind verschiedentlich ganz leicht blau und weiß angetönt; auf Tannen, Matten, Schweizerhäuschen ist mit grüner und brauner Farbe breit und begeistert hingestrichen worden.

Als wir diese Zeichnungen eines Tages durchsahen, konnte ich nicht umhin, zu bemerken: „Aha, da haben wir ja die richtigen Vorläufer deiner großen Untermalungen.“ Und mein Vater sagte: „Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.“ Für Oswald ging eben die größte Anziehungskraft vom Farbkasten aus. Er meinte, der schönsten Zeichnung fehle, was ihn am meisten freue, das Volle, das Gesättigte; Jauchzen und Schluchzen könne er sich nur in Tönen oder in Farben denken, – Zeichnen sei ihm immer nur Mittel zum Zweck gewesen; aber trotzdem sei die gründliche Erlernung des Zeichnens unerläßlich für jeden Maler.

Er hat übrigens auch in früheren Jahren lithographiert. Zwölf Originallithographien (1850–58) sind im Besitz eines Düsseldorfer Sammlers.

Schriftliches enthalten Oswalds Skizzenbücher zu allen Zeiten. Angabe der Farbe, Stand der Sonne und auch andere Hinweise wie: „die Disteln der Villa G. nicht vergessen.“ In einem Skizzenbuch von 1857 steht neben einem fein gezeichneten Erntewagen mit Ochsen: „Sonne von oben, Ochsen weiß, violett im Schatten.“ An einer Stelle steht die ausführliche Beschreibung des malerischen Kostüms, das er in dem kleinen Wallfahrtsort Genazzano im Sabinergebirge bewundert hatte. In einem andern Skizzenbuch fand ich folgende Notiz: „Junge Frau in majestätischer Haltung wie eine Königin über Schweinen thronend.“ (Palestrina.) –

Oswalds Humor verleugnete sich eben nie; und da er keine Zeit gefunden, die imposante Signora an Ort und Stelle zu zeichnen, wollte er sie wenigstens aus der Erinnerung auf sein Bild malen, dazu genügte ihm diese Notiz.

Die Skizzenbücher aus de späteren Jahren waren eigentlich nur Notizbücher und bestanden hauptsächlich aus Kreuzchen und Anmerkungen, hier und dort markierte eine Dunkelheit Häuser, Bäume und Staffage. Die Zeichnungen waren bei unsern gemeinsamen Reisen entstanden, mein Vater ließ meine Mutter und mich nicht gerne so lange warten, drum waren sie mehr geschrieben wie gezeichnet; fragten wir dann schuldbewußt: „Genügt das dann?“ antwortete er vergnügt: „Das hab’ ich alles im Kopf!“

10-achenbach-3117-1.jpg

 

Umstimmen und Übermalen

Umstimmen und Übermalen

Stand eine Untermalung im Atelier, so hatte Oswald für nichts anderes Interesse, ob er nun versprochen hatte, ein Bild abzuliefern oder nicht. Dann horchte er wohl nach der Treppe; glaubte er Herrn Schulte zu hören, so stellte er schnell und höchst eigenhändig das ihm zugesagte Bild auf die Staffelei. Die Herren Schulte kannten ihn und hatten Nachsicht; meine Mutter aber nahm die Sache tragisch und behauptete, wenn das so weiter ginge, würden wir alle Hungers sterben. Da versprach ich ihr, ein deutsches Wort mit Oswald zu reden. Es war in Genua, an einem wunderbaren Herbsttage, wir hatten ein Auswandererschiff abfahren sehen und bummelten am Strande. Mein Vater war sehr vergnügt, rauchte und pfiff abwechselnd. Da sagte ich ihm, meine Mutter mache sich Sorgen, daß er sich so ausschließlich den großen Untermalungen widme, er würde das Ausführen dieser großen Bilder gar nicht bewältigen können; auch würden wir, glaubte sie, demnächst alle verhungern, denn Bilder von solchen Dimensionen kaufe kein Mensch. Meiner Mutter Sorge, er würde das Ausmalen der großen Bilder nicht bewältigen können, war das einzige, was ihn an der Sache zu interessieren schien. Nie vergesse ich sein verschmitztes Gesicht, als er mir erklärte: „Ausführen? – Die großen Bilder will ich gar nicht ausführen, die sind fertig; die müssen so sein. Wer ein Bild haben will, an das er so nahe herangehen kann, daß er die Farbe riecht, der muß nicht zu mir kommen.“

Seine Ansicht über das besonders Schöne der weniger ausgemalten Bilder suchte er zu allen Zeiten seinen Kunsthändlern beizubringen. Ich fand eine sehr spassige Korrespondenz zwischen ihm und den Herren van Pappeldamm & Schouten in Amsterdam woraus hervorgeht, daß er nur einen negativen Erfolg zu verzeichnen hatte, und daß sich die Herren nun ihrerseits bemühten, ihn auf den Pfad der Pflicht zurückzuführen. Nun ging das Streiten mit den Kunsthändlern los: sie müßten ihr Publikum bilden, erklärte ihnen Oswald empört, die Leute müßten doch etwas zulernen und nicht gar so naiv sein, oder Gott weiß wo ihre Bilder kaufen. Aber das kauflustige Publikum dünkte sich klug genug, wenn es für sein gutes Geld Mädchen ohne Augen, Nasen und Mäulchen ablehnte.

Mit Oswalds Leidenschaft für die großen Untermalungen ging Hand in Hand der Reiz, fertige Bilder „umzustimmen“ oder zu übermalen. War Oswald in „Umstimmung“, so verriet sich das bald, und meine Mutter benutzte jeden Vorwand, ihn an solchen Tagen aus dem Atelier zu locken; dabei leistete ich oft Hilfe, aber Erfolg hatten wir selten.

Einmal mußten wir den ganzen Tag unterwegs sein. Meine Mutter hatte das Programm für den Tag schon abends vorher gemacht, da mein Vater bei Tisch etwas von Pinien erzählt hatte, die sich doch vielleicht in der Ecke links des ganz hellen „Golf von Neapel“ gut ausnehmen würden. Mit dem Wetter hatten wir Glück, und mein Vater war, wie immer, wenn etwas unternommen wurde, in bester Laune. Als wir aber spät abends heimkamen und uns zu Tisch setzten, war er strahlend, er hatte es fertig gebracht, in weniger als einer Minute mit der Spachtel und etwas Umbra zwei große schlanke Pinienstämme über das silberige Meer bis in den Himmel zu streichen. Meine Mutter und ich mußten uns begnügen, einen verständnisvollen Blick zu wechseln. Gern hätten wir hellauf gelacht, denn die Landpartie mit Staub, Hitze und verbrannten Pfannkuchen war wieder einmal eine glänzend verlorene diplomatische Schlacht.

Rationeller als ändern und umstimmen war natürlich das Übermalen, ein Schicksal, das besonders oft die fertigen mittelgroßen Bilder traf. Mein Vater hatte die Eigentümlichkeit, Bilder, die der Kunsthändler nicht gleich verkaufte, zurückzunehmen und ihm andere dafür zu geben. Da er seine Mondscheine am liebsten über fertige Bilder malte, so waren diese zurückgenommenen Bilder fortwährend in Gefahr. Meine Mutter sorgte dann wenigstens, daß sie im Anbau, dem sogenannten Bilder-Exil, so hoch hingen, daß er sie nicht ohne Hilfe erreichen konnte. Es kam ihm übrigens gar nicht darauf an, Freunde und Bekannte um Bilderbeiträge zu bitten, sobald sein eigener Vorrat versagte. Graf Fritz Hochberg-Halbau erzählte mir über eine solche Zumutung: „Ihr Vater bat mich einst, mit einem ganz ernst liebenswürdigen Gesicht, ihm doch ein paar Skizzen oder ein Bild von mir zu geben. Ich zeichnete damals bei Albert Baur mit Kohle und dachte mir, als Ihr Vater mich um ein Bild bat, er verwechselte mich mit jemand anderm, denn warum sollte er ein Bild von mir haben wollen? Als ich ihm ganz verlegen anvertraute, daß ich ja noch gar nicht male, meinte er: „Wie schade, Sie arbeiten ja schon so lange bei Baur. Ich hoffte, Sie malten schon und hätten mir dann eines Ihrer Bilder geben können; ich male so gerne auf bereits bemalte Leinwand, es ist eine soviel lustigere Arbeit. – Ich mußte so lachen, daß er mitlachte.“ –

Ließ mein Vater sich nun verleiten, über ein fertiges Bild statt eines Mondscheines ein neues Tagbild zu malen, so hat sich das doch mitunter gerächt, denn es kam vor, daß auf einmal, nachdem das Bild abgeliefert und weiterverkauft war, Pinienkronen, galoppierende Esel und dergleichen aus dem hellen Meeresspiegel oder gar aus dem Himmel herauswuchsen, und daß von den unglücklichen Besitzern jämmerliche Briefe einliefen, worin gebeten wurde, sie doch von den ungebetenen Gästen zu befreien.

Es konnte aber noch schlimmer kommen. Eines Tages trafen wir ihn im Atelier, wie er mit Hilfe des Schreiners sich vergnügte, ein ziemlich großes Bild in sechs gleiche Teile zu teilen, sie hatten sich eine ganz große Schere dazu besorgt. Es war kurz vor unserer Herbstreise, und wir begegneten den schön aufgerollten Stücken in Lugano in seinem Malkoffer: „Da mache ich Farbstudien darüber,“ sagte er mir, „dazu habe ich mir das präpariert.“

Wenn ein Bild jemandem, der ihm persönlich nahestand, besonders gefallen hatte, so widerstand er oft siegreich der Versuchung, es „umzustimmen“; oft stand das Bild schon auf der Staffelei, in diesem Falle auf dem Schafott. Johann, der Diener, hatte dann die Erlaubnis, warnend zu erinnern: „Herr Professor wollten aber nichts mehr an dem Bilde ändern, weil es den Herrschaften doch gar so gut gefallen hat,“ – dann hörte ich ihn wohl antworten: „Ich will auch gar nichts daran ändern, ich habe Herrn Schulte sogar versprochen, es morgen abzuliefern,“ oder: „Na, da nehmen Sie es in Gottes Namen wieder weg, das hatte ich ganz vergessen.“ Manchmal hieß es aber auch: „Her damit! Das kann alles nichts helfen.“

Das Zerstören der Bilder, die ihn nicht voll befriedigten, gehörte zu seinen „Lebensbedingungen“.

11-achenbach-oswald_2.jpg