Der Lebensabend

Oswald war stets ein Problem für die Ärzte. Nach einer Übermüdung manchmal stundenlang ganz schwach, war er nach kurzer Zeit so frisch und rüstig, daß mitleidige Freunde, die ihm einen Krankenbesuch machen wollten, ganz perplex waren, das Nest leer zu finden. Der Patient saß wohl und munter im Theater oder hatte sonst etwas unternommen. Merkwürdig war, daß er nach solchen Schwächeanfällen, die gastrischer Natur waren, abends stets besonders aufgeräumt war und einen wundervollen Humor und großartigen Appetit entwickelte.

In den letzten Jahren waren wir alle stets viel bei meinem Vater im Atelier. Da die gute Mutter nun fehlte, war er ja der Mittelpunkt. Wie in früheren Zeiten schleppte Johann die großen Untermalungen hinauf und hinunter. Unser aller Lieblingsbild aber war und blieb das Papstbild „Pio nono“ in den vatikanischen Gärten, eine Audienz erteilend. General von Loë, dem persönlich Leo XIII. besonders nahestand, lag meinem Vater damit in den Ohren, „Pio nono“ in Leo XIII., den politischen Papst, zu verwandeln. Aber der sagte, dann müsse er auch die rote Kuppel der Peterskirche übermalen, die unter Leo XIII. blaugrau gedeckt worden sei. So saßen sie und Pater Paulus von Loë oft stundenlang vor dem Papstbilde, und das für und gegen Pius und Leo wurde durchgesprochen. Oswald ließ sich jedoch seinen geliebten Pio nono nicht abdisputieren und setzte den schönsten Argumenten einen zwar passiven, aber erfolgreichen Widerstand entgegen. Sobald es sich ums Malen handelte, machte er überhaupt keine Konzessionen.

Einmal fragte ihn eine schöne Frau, ob es nicht ein stark entwickelter Oppositionsgeist sei, der ihn, wie er gerade erzählt hatte, hindere, sich beim Malen den Wünschen anderer anzupassen? Er sei ein Krakeeler, und wolle man Schatten, so male er glühende Sonne, und umgekehrt. – – „Da irren Sie aber sehr,“ antwortete er, „das Bild, das ich male, habe ich malen müssen! Es steckt in meiner Phantasie und bereitet mir richtige Schmerzen, bis ich wenigstens die erste Untermalung leibhaftig vor mir habe, erst dann fühle ich mich beruhigter.“

In den letzten Lebensjahren war außer dem Malen und dem lebhaften Verkehr mit seinen Freunden, der Besuch des Theaters sein Hauptgenuß, sein Interesse, seine Erholung. Er bevorzugte die Oper, er verehrte Wagner aber Beethoven und Mozart, Weber, Mendelssohn und auch Verdi standen ihm näher. Absolut begeisterte ihn Puccinis Tosca, – wir sahen sie, so oft sie gegeben wurde; – auch Mascagni, Leoncavallo und Bizet sah er gerne, von Offenbach am liebsten den Orpheus und Hoffmanns Erzählungen. Freund Loë sagte dann wohl zu mir: „Papa denkt mit Zola: Mieux vaut crever de passion que d’ennui.“ Der General war zwar auch nicht für Langeweile, doch wurden er und mein Vater, was Lebenslust und Frische anbelangt, von unserem verehrten Freunde Exzellenz von Liliencron, dem berühmten Germanisten, noch bei weitem übertroffen.

Im Frühjahr 1900 wurde mein Vater um seine Unterschrift zu dem Protest gegen die Lex Heinze gebeten.

General von Loë, welcher sich auf der Rückreise aus Italien in Baden-Baden zur Kur befand, schrieb mir bei dieser Gelegenheit:

„... Vor allem freut es mich, daß es Ihrem Vater gut geht. Ich hatte diesen Eindruck schon durch die Zeitungsnotiz, daß er sich an dem Proteste der vernünftigen Leute gegen die Lex Heinze beteiligt hat. – Ich kann Ihnen sagen, daß streng religiös gesinnte Leute dieses Zielüberschießen ebenfalls bedauern. Ich zweifle nicht, daß ein vernünftiges Gesetz zustandekommt, welches dem Unfug zu steuern geeignet ist und die Maßregelung auf den eigentlichen Zweck beschränkt.“ –

Diese Auffassungen teilte die ganze Donnerstag-Tafelrunde, trotzdem sie aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt war. Das erregte denn auch Verwunderung, und verschiedentlich sprach man meinen Vater und mich auf der Straße an und meinte: „Das mag bei Ihnen Donnerstags ja ein schönes Schlachtfeld sein, wenn der fromme Salentin, die leichtlebigen jungen Künstler und Sie, der Sie den Protest gegen die Lex Heinze mitunterschrieben haben, aneinandergeraten.“

Aber die Donnerstag-Tafelrunde, die Alten, die Jungen, die Frommen, die Weltlichen waren wie gewöhnlich einig und friedlich, jeder respektierte des andern Meinung.

Als nun im Jahre 1902 der Kölner Erzbischof Dr. Simar gestorben war, konnte der General, der so tapfer seine Ansicht über die Lex Heinze ausgesprochen hatte, in einigen Witzblättern lesen, daß er Chance habe, bei der Neubesetzung dieses erzbischöflichen Stuhles berücksichtigt zu werden. Der General versäumte nicht, die Donnerstag-Tafelrunde durch ein Telegramm von seiner Kandidatur geziemend in Kenntnis zu setzen.

Da aber Freund Loë dann nach Rom fuhr, erwachte auch in Oswald die Reiselust. Der General schrieb so amüsante Briefe und riet uns dringend, ihm baldmöglichst nach Rom zu folgen. In einem Briefe beschrieb er die Audienz südfranzösischer Pilger, der er beigewohnt. Die temperamentvollen Kinder der Pyrenäen hatten dem heiligen Vater in ihrer warmherzigen Art „Hundert Jahre“ alt zu werden gewünscht; Leo XIII. hatte sich aber lächelnd gewehrt und gemeint: „Mes chers enfants, nous ne voulons pas mettre des bornes à la providence.“

Ein andermal hieß es: „... Gestern und heute habe ich mit meinen beiden Begleitern, dem General Haußmann und dem Prinzen Salm, etwas hundert Visiten gemacht, darunter sechsunddreißig Kardinälen. Es wären siebenunddreißig gewesen, wenn der Siebenunddreißigste im Moment, als wir uns bei ihm melden ließen, nicht gerade gestorben wäre.“

„Freund Loë hat’s gut,“ sagte mein Vater ganz wehmütig, „warum gehen wir nicht auch endlich nach Rom?“

Aber trotz der Sehnsucht nach Italien amüsierte er sich auch in Düsseldorf ganz gut, besonders zur Zeit der großen Ausstellung 1902 und 1904.

Wenn einige mißvergnügte Nobili meinten, das sei das alte Düsseldorf nicht mehr, antwortete er wohl: „Ja, ja, ich weiß, – die gute alte Zeit! – – Da gab’s bei Schulte nur bilder von Düsseldorfer Künstlern, und Sonntags erschien der „Jägerhof“ und die Haute-volée, um sich den neuen Deger, Köhler, Carl oder Andreas Müller, Jordan, Itten – oder Achenbach anzusehn. Mann! seien Sie doch froh, daß die Zeiten vorbei sind. Ich für mein Teil habe mich in meinem ganzen Leben kaum so gut amüsiert wie gerade jetzt.“

So hatte er die letzten Jahre seines Lebens wirklich noch recht aus dem Vollen genossen. Obgleich er mir zugab, sich manchmal etwas matt zu fühlen, wollte er doch bei allem dabei sein. Als wir am 19. Januar Salentins 83. Geburtstag in der Oktave feierten, war er noch voll überschäumender Laune. Aber er litt an einer Erkältung, die nicht zum Ausbruch kommen wollte und sah schlecht aus. Es kostete viel Mühe, ihn zu bereden, die nächsten Tage ganz auf seiner Etage zu bleiben. Eine neue Oper, von der viel gesprochen wurde, sollte aufgeführt werden, und in der Hoffnung, daß der Stubenarrest ihn bald auskurieren werde, ergab er sich in sein Schicksal.

So kam der 2. Februar heran, an welchem er sein 78. Jahr vollenden sollte. Am 31. Januar nahm der Schwächezustand bedeutend zu, wir waren sehr sorgenvoll, er aber heiter wie immer. Unserem Hausarzt Professor Hoffmann, der ihn bei seinem morgendlichen Besuche fragte: „Nun, Herr Professor, wie geht es Ihnen heute?“ antwortete er mit einem halben Lachen: „Wie es mir geht? Ja, lieber Freund, das hatte ich Sie eigentlich fragen wollen.“ Da wir in diesen Tagen mit ihm zusammen im Atelier gelebt hatten, waren zwei Staffeleien entfernt worden, nur die mittelste, auf der das Papstbild stand, blieb stehen. Mein Vater lag auf seiner Chaiselongue und besah sich sein Lieblingsbild. Am Nachmittag besuchte mich unser Freund, der Oberbürgermeister Marx, der mich schonend darauf vorbereiten wollte, daß Papas Zustand recht bedenklich sei.

Als mein Vater an diesem Abende dem Papstbilde „gute Nacht“ sagte, war es ein Lebewohl für immer. Er schlief zwar in den ersten Stunden der Nacht ganz ruhig, später fieberte er, hatte aber keine Schmerzen, lächelte uns an und schlummerte weiter. Am frühen Morgen konstatierte der Arzt eine schwere Lungenentzündung, aber mein Vater lag ruhig und schlummerte, wie ich wohl fühlte, dem ewigen Schlaf entgegen. Und so blieb er schlummernd und lächelnd, wir sahen, daß er nicht litt.

Um drei Uhr stand das Herz still.

Trotz unseres Jammers erfüllte uns eine namenlose Dankbarkeit gegen Gott. Das war kein Tod, kein Sterben, das war ein Hinübergleiten in das andere Leben.

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Schluß.

Schluß

Wenn man meinem Vater, der bis zuletzt so frisch und lebenslustig war, sagte, er mache einen so „jugendlichen Eindruck“, so antwortete er oft: „Eigentlich müßte ich schon über 80 Jahre alt sein, denn ich bin zehn Jahre älter als andere Leute, da ich zehn Jahre früher als alle anderen angefangen habe zu leben und zu arbeiten; darum habe ich auch so viele Bilder gemalt.“

Und dann erzählte er, wie früh er angefangen habe zu lernen, und besonders, wie fleißig er gewesen sei, daß er schon mit 24 Jahren eine Familie gegründet und sein ganzes Leben lang immer mit demselben Fleiß und derselben Freude wie in seiner Jugend gearbeitet habe. Er bedaure nur, daß er keine Ahnung habe, wie viele Bilder er eigentlich gemalt und wohin si gekommen seien, er habe nie ein Buch darüber geführt. Die meisten seiner Bilder seien von Rom und seiner Umgebung, dies wisse er ganz bestimmt, dann erst käme Neapel und sein Golf; er habe auch eine große Anzahl Schweizerbilder gemalt, und diese hätten ihm immer sehr viel Freude gemacht.

Graf Rosen schrieb mir über die Möglichkeit, noch jetzt einen Katalog sämtlicher Werke herzustellen: „– j’aurais une idée à vous soumettre: ne croyez-vous pas, qu’il serait, pour la majorité des lecteurs, d’un haut intérêt que vous ajoutiez à la fin du volume une nomenclature, aussi complète que possible, des œuvres de votre père, avec indication du propriétaire originaire? Outre la valeur historique d’un pareil document il offrirait l’avantage de contrôler, à l’avenir, de possibles falsifications. – Songez seulement combien profitable auraient été, sous ce rapport, de pareils catalogues dressés par les grands maîtres d’autrefois eux-mêmes et répandus ainsi à milliers d’exemplaires! – Qu’en pensez-vous?“

Ich glaube nicht, daß es so leicht sein dürfte, einen solchen Katalog herzustellen, schon aus dem Grunde, weil fast alle Bilder, die in den sechziger und siebziger Jahren entstanden sind, nach New York, Philadelphia, Washington und Chicago gingen. Ich habe aber durch meine Freunde in Erfahrung zu bringen gesucht, welches die bekanntesten und beliebtesten Bilder meines Vaters sind.

Eduard von Gebhardt gibt dem „Leichenbegängnis in Palestrina“ den Vorzug. Mein Vater hat das Bild zweimal gemalt. Das etwas kleinere befindet sich in der Kunsthalle in Düsseldorf. Das andere kaufte seinerzeit Napoleon III. von Ed. Schulte; soviel ich weiß, hat die Firma es nach dem Tode der Prinzessin Mathilde aus deren Nachlaß wieder erworben.

Geh. Rat Woerman (Dresden) legt einen besonderen Wert auf die Gemälde, die den Golf von Neapel wiedergeben. Ich zitiere etwas aus seinem Reisetagebuch (Neapel, 1878):

„Als wir auf der Rückfahrt die Höhe des Posilip wieder erreichten, war die Purpurglut des Abends bereits erblichen. Aber tief und leuchtend rosenrote Wolken zogen am Himmel und gossen noch einen leichten süßen Rosenschimmer auf die Straße, auf der wir fuhren. Das Meer war violett. Die Gebirge waren grau. Die Häuser der großen Stadt schimmerten schneeweiß herüber. Unter den malern kenne ich nur einen, der derartige gewagte Stimmungen fast so fein und geistreich zu verarbeiten weiß, sie die Natur selbst. Ich meine unsern Oswald Achenbach, den eigentlichen Maler des Golfs von Neapel. Er hat den göttlichen Golf im hellen, heißen Mittag und in nächtlichem Dunkel, im Purpurlichte der sinkenden Sonne und in so seltsam bunter Dämmerung gemalt, wie wir sie jetzt sahen. Nur er wird nicht bunt und süßlich wie die meisten, die sich solche Aufgabe stellen. Seine Bilder sehe ich hier immer wieder in die Landschaft hinein, und die Erinnerung an seine Gemälde lehrt mich diese Natur verstehen. –“

Selbst die jungen Künstler räumen Oswald gerne eine Ausnahmestellung ein. Sie verwahren sich energisch dagegen, daß man ihn in die Ecke stelle, wo schon mancher Kollege auf ihn wartet. So erzählte mir Baron Karl von Perfall, Köln, von seinem Sohne, einem sehr modernen Düsseldorfer Landschaftsmaler, der ihm, nachdem er von einem einjährigen Aufenthalt in Florenz zurückgekehrt war, gesagte hatte: „Ich habe in der italienischen Landschaft oft die Naturstimmungen gesehen, die Oswald Achenbach gemalt hat; die sind durchaus wahr, und ich weiß jetzt erst, was für ein großer Meister er war, denn Italien gibt den deutschen Malern schwere Rätsel auf, die er vollkommen gelöst hat.“

Auch Graf von Rosen sieht in Oswald Achenbach in erster Linie den Schilderer Italiens. Im Mai 1910 schrieb er mir aus Stockholm: „Laissez-moi ensuite vous répéter que votre travail de piété filiale m’intéresse infiniment, comme m’intéresse tout ce qui touche le caractère, le talent, les idées et les habitudes de chaque grand homme; et dans le domaine de l’art votre père m’apparaît comme une des figures les plus grandes et les plus originales qui fût jamais. Car lorsque j’associe son souvenir à celui de tous ldes maîtres du paysage qui ont aimé et dépeint l’Italie depuis Claude et Poussin jusqu’à Turner, Corot, Schirmer, Boecklin et d’autres encore, Oswald Achenbach se dresse au-dessus d’eux tous, par la puissance de son génie, qui a trouvé le secret jusqu’à lui ignoré, d’unir à une conception d’un sentiment hautement idéal une production d’un réalisme stupéfiant, nous offrant, ainsi dans des éblouissements de soleil et des enchantements de couleurs, la poésie même du pays italien, de son ciel radieux, de son sol enflammé, de ses rives bleuissantes, du clair obscur de ses jardins, de la splendeur de ses monuments, du grouillement de son populaire. Il me semble qu’après Oswald Achenbach, il y a,artistiquement parlé, plus rien de nouveau à faire de ce coin de terre dont dix générations de peintres se sont acharnées à chercher des interprétations diverses. Avec son œuvre le sujet est épuisé, la discussion est close – – –.“

Graf von Rosens Lieblingsbilder sind Rocca di Papa in der Galerie in Dresden, der Golf von Neapel im Museum in Leipzig und die Villa Borghese in der Kunsthalle zu Düsseldorf.

Mein Vater selbst erzählte mir, daß verschiedene Bilder, die nach seiner Ansicht zu seinen besten gehörten, in Wien seien; wenn er dann nachdachte, hieß es aber gewöhnlich: „in Hamburg und Bremen (dann kamen noch viele andere Städte) sind, glaube ich, auch ein paar ganz gute.“

Als ich Professor Oeder (Düsseldorf) um sein Urteil bat, antwortete er mir:

„Nun zu Ihrer Frage, welche Bilder Ihres Vaters in künstlerischer Beziehung als die höchststehenden mir in Erinnerung geblieben seien. Dies ist nicht allzu leicht zu beantworten, wenn ich auch wohl die meisten Arbeiten aus der reifsten Schaffenszeit gesehen habe. Es ist aber eine so gewaltige Anzahl wunderbarer Schöpfungen in die Welt hinausgegangen, daß hieraus nicht leicht die Wahl zu treffen ist.

Um aber in etwa Ihrem Wunsche nachzukommen, so will ich zweier Werke Erwähnung tun, die die Eigenart Ihres Vaters in eminenter Weise bekunden, und das ist in erster Reihe das wunderbar sonnige Bild der Villa Borghese in unserer hiesigen Galerie. Wie ist hier die Abendsonne wiedergegeben!

Diesem Bilde anzureihen wäre meines Erachtens „Der Lärchenwald mit der Prozession“, ein kleines Werk, jedenfalls sehr schnell entstanden, aber von einer Stimmung, die der Meister kaum in anderen Arbeiten übertroffen hat. Wie wirkt auch hier wieder die Sonne, die durch das frische Lärchengrün auf die Prozession und besonders auf den kleinen Tragaltar fällt!“

Unter den Schweizerbildern gehörten außer dem Lärchenwald wohl Wengen und die Jungfrau, der Blick auf den Rigi, der St. Bernhard und der Kirchhof von Beckenried zu den bekanntesten. Die Zeichnung zu dem St. Bernhard wurde einem Skizzenbuch aus dem Jahre 1843 entnommen. Das Hospiz liegt in Nacht und Schnee, hinten türmen sich die weißen Berge; im Vordergrunde die Brüder mit ihren Hunden und brennenden Laternen auf der Suche nach Verirrten. Dieses Bild fand so viel Anklang, daß mein Vater es verschiedentlich malen mußte, was ihm sehr unangenehm war; aber da es ihm schwer wurde, eine Bitte abzuschlagen, so hatte er sich dazu bequemt. Allerdings versüßte er sich diese Pille, indem er ein Hospiz mitsamt seinen Schneebergen im roten Reflex der untergegangenen Sonne malte.

Professor Walter Petersen, Düsseldorf, und Exzellenz von Boehn, Kommandant von Berlin, berichten über zwei deutsche Bilder, Drachenfels und Gravelotte, die beide das traurige Schicksal traf, übermalt zu werden. Ich lasse Walter Petersen erzählen:

„Einst bewunderte ich im Atelier Ihres Vaters eine Landschaft großen Formates vom Siebengebirge. Das Siebengebirge als Hauptsache, von der anderen Rheinseite aus gesehen, war fertig und wunderbar schön in der Gewitterstimmung mit dem Regenbogen. Aber der Vordergrund machte Ihrem Vater noch zu schaffen, er suchte nach einem neuen Problem der malerischen Lichtverteilung, durch die er im Vordergrund auf den malerischen Eindruck des Hintergrundes, also des Siebengebirges, wirken wollte. Als ich das Porträt Ihres Vaters für die Kunsthalle malte, stand das Bild auf einer Staffelei in seinem Atelier mit völlig verändertem Vordergrund, für die Augen des großen Meisters noch immer nicht gelöst. Schließlich erfuhr ich, daß er die Lösung, die ihn selbst befriedigte, nicht fand, und daß er darum das ganze schöne Bild vernichtet hat.“

General von Boehn, der in den achtziger Jahren in Begleitung des damaligen Prinzen Wilhelm, unseres jetzigen Kaisers, ins Atelier kam, schrieb mir (als er hörte, daß ich Erinnerungen sammle) über diesen Besuch. Damals malte mein Vater an einem Schlachtfelde von Gravelotte. Von Metz aus war er mit meiner Mutter und einem Freunde, dem Major Kardinal von Widdern, hinausgefahren, um die Schlachtfelder zu besichtigen. Ich lasse Exzellenz von Boehn erzählen:

„Den Besuch des Prinzen Wilhelm betreffend, will ich Ihnen folgendes noch erzählen: Nachdem Ihr Papa die Bilder gezeigt hatte, an denen er gerade arbeitete, bat ich ihn, doch auch ein Bild hervorzuholen, an dem ich ihn vor kurzem hatte malen sehen. Es war das Schlachtfeld von Gravelotte. Ich wußte, daß dies Sujet für den Prinzen ein besonderes Interesse hatte. Nun fand der Prinz an dem Bild nicht nur ein großes Gefallen, sondern geradezu ergreifend war die Schilderung Ihres Vaters, wie er dazu gekommen, dieses Bild zu malen. Er erzählte, daß er die Schlachtfelder von Metz besucht habe, und zwar am Tage Allerseelen. Da habe er tief bewegt auf dem Felde gehalten, auf dem vor Jahren so heiß gestritten und so viel Blut geflossen, auf dem die deutschen Waffen schließlich den Sieg errungen hatten. Und nun gleich das Feld einem unendlich großen, stillen Friedhof, weit und breit bedeckt mit Kreuzen und Grabsteinen, zur Erinnerung an die Tapfern, die hier für ihr Vaterland den Heldentod gestorben. Eine feierliche Ruhe herrschte ringsumher; friedlich weidete ein Hirt seine Schafe in der Ferne.

Da habe ihr Vater seiner Heimat gedacht, in der heute am Allerseelentag groß und klein zu den Gräbern pilgert, und hier war niemand gekommen, die Gräber zu schmücken, und es wurde schon Abend. Die untergehende Sonne grüßte mit ihren letzten Strahlen das weite Feld. So etwa hatte Ihr Papa erzählt, aber er schilderte dabei seine Empfindungen in so ergreifender Weise, daß wir mit immer steigender Wärme und Andacht uns in das Bild vertieften. Was mag aus dem Bilde geworden sein? Ich habe es nicht wieder gesehen.“

Als Exzellenz von Boehn erfuhr, daß das Schlachtfeld zu Gravelotte in einen Golf von Neapel verwandelt worden war, erzählte er mir noch, daß mein Vater dem Prinzen Wilhelm und ihm vorgeklagt habe, daß er solche Bilder wie Gravelotte eigentlich gar nicht malen dürfe, man wolle von ihm nur immer und immer wieder den Golf von Neapel.

Wie Oswald nun einmal war, ist es sehr möglich, daß gerade dieser Atelierbesuch ihn dazu begeisterte, das Schlachtfeld von Gravelotte in einen Golf von Neapel zu verwandeln. Ich weiß noch recht gut, wieviel Freude ihm dieses Übermalen gemacht hat. Denn wenn das Schaffen solcher Bilder für ihn auch eine poetische Erinnerung, eine geistige Anregung bedeutete, so lag der Hauptreiz im Bewußtsein, sie später übermalen zu können, und diese Entwürfe waren daher von Anfang an dem Verderben geweiht. Sie waren ihm ja der liebste Untergrund für seine Mondscheinbilder, und später breitete sich wirklich über das Schlachtfeld von Gravelotte ein Golf vonNeapel im Mondschein aus. Die Farbstudie zum Schlachtfeld war Kardinal von Widdern zugedacht, ob er sie aber erhalten hat, weiß ich nicht; vielleicht ist auch sie übermalt worden, denn ob Drachenfels, ob Gravelotte, eines schönen Tages lachte doch darüber der blaue Himmel Italiens, oder es spiegelte sich der silberne Mond im Mittelmeer.

„Es ist mein Verhängnis,“ entschuldigte er wohl lachend solche Widersprüche, „bin ich doch unter dem feuerspeienden Vesuv geboren.“

Das letzte Bild, das mein Vater vollendet und abgeliefert hat, war ein ganz großer Golf von Neapel.

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