Der Fürst von Hohenzollern

Damals lebte in Düsseldorf der Fürst Carl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen; er bewohnte mit seiner Familie das Schlößchen Jägerhof, und er hatte einen Hof um sich geschaffen, an den er die Künstler mit Vorliebe zog. Meinem Vater war er besonders gewogen, und er verbrachte manche Stunde im Atelier. Aber auch für seine Lehrtätigkeit an der Akademie hatte der Fürst ein lebhaftes Interesse. Das ging ja damals alles Hand in Hand, und die jungen Elemente, die unter Oswalds Leitung sangen und mimten, standen seinem Herzen ebenso nahe wie die, welche malten, und er verstand es meisterhaft, das Interesse des Fürsten den jungen, strebsamen Künstlern zuzuwenden. Fürst Carl Anton war eine in allen Ateliers mit Freuden begrüßte Persönlichkeit; er war eben nicht nur ein vornehmer und liebenswürdiger, sondern auch ein kluger und witziger Herr. Mit Vergnügen erzählte mein Vater stets folgende kleine Geschichte, die so recht charakteristisch für den Fürsten ist:

„Fürst Carl Anton kam eines Morgens mit der Bitte zu mir ins Atelier, ihm beim Umtausch eines Bildes, das er vor einiger Zeit bei Schulte gekauft, behilflich zu sein. Es gefalle ihm nicht mehr so recht. Das Bild war vom Maler Rausch, einem Mitgründer des Malkastens. „Aber warum haben Königliche Hoheit es denn gekauft?“ fragte ich ihn. – „Ja,“ meinte er, „es hatte mir zuerst so gut gefallen.“ Ich nahm an, daß jemand ihm den Rausch verleidet habe. Der Fürst, feinfühlig wie immer, merkte, daß mir die Sache unangenehm war, und sagte lachend: „Seien Sie ruhig, Professor, ich behalte den Rausch! Denn:

„Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann!“ –

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Sein Atelier.

Sein Atelier

Oswalds Werkstatt hatte wenig Ähnlichkeit mit dem landesüblichen Atelier; sie wirkte eher als Festraum und war auch als solcher gedacht. Schön gerahmte Bilder hingen an den Wänden, auf dem tadellos glänzenden Parkett lagen kostbare Teppiche und ein heiteres Deckenmedaillon hatte mein Vater s. Z. selbst bemalt. Besondere Freude machten ihm seine schönen antiken Schränke. Auf seinem runden, eingelegten Florentiner Marmortisch sah er gerne Blumensträuße, besonders frische Rosen. Ein zweites Atelier mit großem Oberlicht lag im dritten Stock. Das untere Atelier hatte reines Nordlicht, drauf hielt mein Vater sehr, obgleich er auf Reisen anstandslos in sonnendurchleuchteten Stuben gemalt hat.

„An meinem Atelier ist gar nichts zu sehen,“ – pflegte er seinen Besuchern wohl zu sagen, „nur hier mein Balkonfenster und mein Balkon mit dem schönen Blick in die Hofgarten-Anlagen sind sehenswert.“ Das Balkonfenster und der Balkon hatten allerdings die größte Anziehungskraft für meinen Vater. Besonders im Sommer trat er mit der Palette in der Hand jeden Augenblick hinaus, kontrollierte Wolken und Hofgarten und ließ sich von den von der Heide heimkehrenden Regimentern ein Lieblingsstück blasen.

Es gibt wohl kein Atelier, in dem so viel geputzt, gebohnt und aufgeräumt wurde, als in dem meines Vaters. Manchmal brummte er auch, aber das Putzen geschah nur zu Zeiten, wo es ihn nicht stören konnte, und schließlich freute er sich doch, wenn alles schön an seiner Stelle lag und die herausgeholten Skizzen und Zeichnungen wieder unter Verschluß waren.

In Oswalds Atelier ging’s stets aus und ein, vom jüngsten Leutnant bis zum höchsten Potentaten kamen ihm alle recht, nur durften nicht gerade Kopf, Herz und Hände zu tief in einer Untermalung stecken. Lernte er jemand kennen, der ihm gefiel, so sagte er ihm: „Besuchen Sie mich doch!“ Aus solchen Atelierbesuchen entspann sich manchmal eine Freundschaft fürs Leben.

Unsere Freunde kannten jedes Bild, jede Aufzeichnung, und dem Entstehen der Bilder zuzusehen, war die größte Freude aller. Mein Vater ließ sich beim Malen gar nicht stören; kam ein neuer Gast, so streckte er ihm den reinsten Finger entgegen oder auch nur den Ellbogen, denn seine Hände waren gewöhnlich ganz unter Farbe.

Ging man nachmittags nach dem Tee noch einmal ins Atelier, dann war Oswald bei sich selbst zu Gast und besah sich mit den Freunden gemeinsam die Bilder. Dann mußte Johann die großen Untermalungen, die einen eigenen Raum für sich im zweiten Stockwerk des Anbaues inne hatten, hinauf und herunter schleppen. Die Untermalungen waren die allgemeinen Lieblinge; sie waren so amüsant, weil sie alle so verschieden waren. Einige ganz hell, Luft und Meer wie weißes Silber, andere mit roter Luft und grünem Meer oder grau-rosa Wolken und violettem Meer, dann die pechrabenschwarzen Nachtbilder mit Feuerschein. Diese Untermalungen waren alles ganz große schwere Bilder; Johann wußte ein Lied davon zu singen.

Einmal bat die liebenswürdige Prinzeß Heinrich XIII. Reuß, ihr doch etwas vorzumalen. Oswald, nicht faul, nahm eine Spachtel voll Schweinfurter Grün und „strich“ einer italienischen Obstverkäuferin, die auf ihrem mit Körben beladenen Esel thronte, eine grellgrüne Jacke. Allgemeine Verblüffung, besonders bei meiner Mutter, für welche die grünen Jacken der Italienerinnen das „rote Tuch“ waren.

Auch die Skizzenbücher fanden viele Freunde, jeder nahm sie sich und blätterte darin. Nur die großen Mappen mit den Zeichnungen aus den Jahren 50, 57 und 70 blieben stets unter Schloß und Riegel. Die Zeichenbücher (Skizzenbücher) waren sehr amüsant, es stand auch viel geschrieben darin, und das erregte stets Neugierde und Heiterkeit.

Es war sehr schwer, meinen Vater aus dem Atelier zu locken. Eben unten, war er wieder oben. Er ging auch nie schlafen, ohne vorher noch einmal im Atelier gewesen zu sein, und nie kam er zum Frühstück, ehe er sein Bild begrüßt und geprüft hatte.

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