Das Haus in der Goltsteinstraße

Unser elterliches Haus lag an der schönsten Stelle der Goltsteinstraße, einer der schönsten Straßen in Düsseldorf. Oswald war auch nicht wenig stolz auf das Haus, das er sich selbst gebaut, und das abendliche Sitzen auf der Terrasse mit dem Blick in den schönen, großen Garten mit seinen alten Bäumen und farbigen Blumenbeeten machte ihm viel Freude. In früheren Jahren beteiligte er sich auch eifrig auf der grünen Rasenfläche an Federball- und Reifenspiel und war sehr geschickt dabei. Er und seine Brüder waren ihrer Zeit die Champion-Schlittschuhläufer in Dsseldorf gewesen. Nach Arbeitsschluß führte er meine Mutter treulich durch die verschlungenen Gartenwege, auf Schritt und Tritt begleitet von der gelben Lieblingsdächsin „Nina“ und dem zahmen Reh, in späteren Jahren von den persischen Windhunden und Collies. Nur der weiße Terrier „Spot“ beteiligte sich nicht an der Promenade, sondern wälzte sich in den Blumenbeeten, und Oswald konnte natürlich nicht umhin zu bemerken: „Wer den „Spot“ hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen.“

An Sonn- und Donnerstagen war stets offenes Haus. Wenn das Wetter es erlaubte, versammelte man sich im Garten. Da konnte unangemeldet kommen, wer einmal aufgefordert war, und da auch unaufgeforderte Leute kamen, und diese auch wohl andere animierten, so war das Durcheinander manchmal groß, die Stimmung aber immer äußerst heiter, natürlich hauptsächlich in den früheren Jahren. Da konnte es Oswald nicht toll genug kommen, und der Ernst des Lebens lag ihm und uns allen absolut fern. Da gab’s im Garten „Zauberfeste“, oder es wurde Kirmes gemacht, mit richtigen Buden, Lebkuchenherzen und Orgeldrehern. Auch die winterlichen großen Feste, wo die Ulanen oder Husaren zum Tanze bliesen, machten ihm große Freude. Dann wurden Farbskizzchen ausgelost und ausgeschossen. Mein Vater hatte eine Werfkegelbahn eigens dazu konstruieren lassen, die wurde im Tanzsaal aufgestellt, und im Wintergarten wurde ein Scheibenstand errichtet. Am Festabend selbst wachte er dann mit Argusaugen über seine Skizzen, manchmal spielte er auch etwas Vorsehung, und dann konnte man sicher sein, daß die hübschesten Frauen auch die besten Skizzchen bekamen.

Obgleich die Maler bei uns aus- und eingingen und zu unsern Intimsten gehörten, wie wohl in keinem anderen Düsseldorfer Künstlerhause, stand die Casa Achenbach doch im Verdacht, ihren Hauptverkehr aus Militär- und Fürstenkreisen zu beziehen; dies ist oft von Fernerstehenden betont worden. Da aber Sohn, Schwiegersöhne und Vettern entweder aktiv oder als Reserveoffiziere dem in Düsseldorf garnisonierenden Husarenregiment Nr. 11 angehörten, so ergab sich ersteres von selbst. Und was die Fürstlichkeiten anbelangt, so hätte ich den sehen mögen, der sich nicht über den zwanglosen Verkehr mit so reizenden Frauen, wie z. B. die Prinzessinnen Heinrich XIII. Reuß und Wilhelm zu Sachsen-Weimar oder wie die Fürstin Tiny Salm von Schloß Dyck und ihre entzückenden Töchter, gefreut hätte!

In früheren Jahren waren nach den Malkasten- und Liedertafelabenden stets heitere Zusammenkünfte gewesen. Da vereinigte ein solides Abendessen und eine Mai-, Erdbeer- oder Pfirsichbowle all die Elemente, die bei den Aufführungen beteiligt waren oder ihnen Interesse entgegenbrachten. Unsere liebsten Erinnerungen knüpften sich aber an die harmlosen Donnerstagabende, da führte Salentin das große Wort, seine Schlagfertigkeit und sein Humor waren stadtbekannt.

Auch meinen Vater disputieren zu hören, war sehr lustig. Wenn General von Loë, Excellenz von Schreckenstein und Emil Pohle ihm ihren Witz entgegenzustellen suchten, kamen wir oft nicht aus dem Lachen heraus. Dem General war durch seinen Aufenthalt in Paris, Madrid und Petersburg das Beste in der Kunst bekannt. Auch er liebte diese Dispute sehr. Es waren keine regelrechten Kunstgespräche, und jeder konnte sich fröhlich am Kampfe beteiligen. Wir Damen hetzten dann, soviel wir konnten, denn es war viel amüsanter, wenn sie über Kunst und nicht über Politik sprachen. So manches, was früher nie zur Sprache gekommen war und was mich jetzt freut zu wissen, erfuhr ich bei solcher Gelegenheit, z B. daß mein Vater in der Plastik die Venus von Milo und den Moses von Michelangelo über alles stellte, und daß er eine unbegrenzte Bewunderung für Leonardo da Vinci hatte. Als sie aber eines Abends Devisen und Aussprüche großer Männer besprachen und Leonardos Lieblingssentenz erwähnt wurde: „Armut, Krankheit, was bist du gegen Langeweile?“ da schalt Oswald seinen heißgeliebten Leonardo einen Esel und meinte: „Bin ich gesund und reich, dann garantiere ich euch, daß ich mich sicher nicht langweile.“ Auch den Ausspruch, den Goethe Philine in den Mund legt und den der General so gern zitierte: „Wenn ich dich lieb habe, – was geht’s dich an?“ beanstandete er für seine Person und sagte, ganz entschieden: „Das wäre noch schöner, wenn die Philine mich lieb hat, so soll mich das auch was angehen.“

In seinen letzten Lebensjahren wurden so manche Erinnerungen zwischen ihm und gleichalterigen Freunden wach. Wenn sie von Paris sprachen, wo der General mehrere Jahre Militär-Attaché bei der deutschen Botschaft gewesen war, so kamen die schönsten Geschichten zutage. Mein Vater und er kannten alle Pariser Potins aus jener Zeit. War Salentin anwesend, so ging auch ihm das Herz auf; sein Aufenthalt in Paris zur Zeit der großen Ausstellungen unter Napoleon III., in Begleitung seines Freundes und Kunsthändlers Ed. Schulte, der auch meines Vaters Freund und Kunsthändler war, gehörte zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens. Dann zitierte Salentin aus der Malkasten-Chronik:

„Es geschah vor alten Zeiten,

Daß der Kaiser von Paris

Sich von nahem und von weitem

Viele Bilder schicken hieß.“

Oder: „Oswald Achenbach, aimable,

Find’ sein Bild ich und très beau,

Gebt mention ihm honorable

Die Familie kriegt sonst trop!“

Und dann priesen sie die Schönheit der Kaiserin Eugenie und die Liebenswürdigkeit der Prinzessin Mathilde. Kamen sie auf den Louvre und seine Herrlichkeiten, so wurde auch oft und rühmend des damaligen Intendanten, des Grafen Nieuwerkerke, gedacht. Ich hielt ihnen wohl vor, was Henri Rochefort in den Abenteuern seines Lebens über Nieuwerkerkes künstlerische Untaten erzählt, da hieß es unisono, Rochefort sei ein Krakeeler, – und das stimmt ja.

Traurig war es für den lebenslustigen Oswald, daß meine Mutter eigentlich immer leidend war und eine große nervöse Angst vor Gewittern hatte; es war ihr unmöglich, den Anblick des Blitzes zu ertragen. Viele Ärzte waren vergebens konsultiert worden. So ließ mein Vater, als er das Haus in der Goltsteinstraße baute, einen tiefen, vollständig isolierten Kellerraum mauern, da sah sie keinen Blitz und hörte keinen Schlag. Die Kehrseite der Medaille aber war, daß Oswald, sobald es donnerte, mit in den Keller mußte. Gewitterte es in der Luft, türmten sich die Wolken, dann trat er immer und immer wieder auf den Balkon hinaus, bis es schließlich hieß: „Ich glaube, wir gehen am besten hinunter.“

Die Gewitterangst hatte sich bei meiner armen Mutter von Jahr zu Jahr gesteigert. In den letzten zehn Jahres ihres Lebens ging es auch nachts in den Keller. Unser schottischer Collie Bruce teilte ihre Nervosität. Donnerte es in der Nacht, so raste er laut bellend durch das Haus und fühlte sich erst frei und geborgen, wenn auch er von der Kellerpartie sein durfte. Kam dann der Sommer, so sagte mein Vater mit einem Seufzer: „Jetzt muß ich mal einen tüchtigen Gewittersturm malen, meine Frau muß sich allmählich doch wieder an die Gewitter gewöhnen.“ Und dann malte er einen Gewittersturm, der den Staub häuserhoch wirbelt, die Bäume zu brechen scheint, dem Abate die Pelerine über den Kopf schlägt, und wo die Frauen, die ihre Wäsche retten möchten, mitsamt den vom Sturm getragenen Laken über die Hecken zu fliegen scheinen. Meine Mutter gewöhnte sich aber nicht an die Gewitter, und so versuchte Oswald ein anderes Mittel. Er stellte ein Gewitterbild als Warnung und Beschwörung dem großen Balkonfenster gegenüber und behauptete mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, dann würden die Gewitter vorüberziehen. Das Bild mit dem Grabmal der Horatier und Curiatier mit den grün-braunen Gewitterwolken und den Pilgern, die unter dem Grabfelsen Schutz gesucht, stand lange als „Beschwörer“ auf der dritten Staffelei und erregte die Lachlust unserer Freunde.

Oswald kehrte allmählich zum Sonnenschein zurück. Sagte man aber: „Gottlob, du hast ja gut Wetter auf der Palette,“ da konnte man sicher sein, daß er im Handumdrehen ein paar bedrohliche Wolken an den Horizont strich.

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Oswald Achenbach als Mensch.

Oswald Achenbach als Mensch.

Oswald war so recht der Sohn seines Vaters, des alten Hermann Achenbach, der da sang:

*)“Was die Reis’ gekost’,
Frißt nicht Wurm noch Rost,
Denn es ist verschwunden;
Aber wenn mein Geld auch schwand,
Hab’ ich doch in jedem Lang
Anderes stets gefunden.“ – – –

Daß ein Sohn Hermann Achenbachs ein guter Rechner sein sollte, konnte schlechterdings nicht verlangt werden. Nein, mein Vater war kein Rechner! Leben und leben lassen war für ihn die erste Bedingung einer behaglichen Existenz. Allen Eindrücken leicht zugänglich, war ihm Wohltun eine Freude. Wurde er angegangen, so gab er gern und gleich. Er war auch ein fröhlicher Steuerzahler und guter Patriot, seinem Königshause treu ergeben. Vom Weltfrieden hielt er nicht viel und lachte Onkel Flamm, der die Abschaffung des stehenden Heeres befürwortete, freundschaftlich aus. Er nannte ihn einen Schwärmer und fragte wohl: „Wer soll denn mit der Abrüstung anfangen? Wir vielleicht? da würden sie schön von allen Seiten über uns herfallen.“

*) Aus Großvaters Reiseliedern.

Mit besonderer Befriedigung gedachte er stets des geeinigten Deutschlands. Er hielt das Deutschtum sehr hoch und meinte, die Lichtseiten überwögen im Charakter des deutschen Volkes. Auch die deutsche Sprache bewunderte er und freute sich der kraftvollen deutschen Schrift. Er wollte nicht davon hören, daß die lateinische allgemein eingeführt werden solle. Hingegen mochte er sich nicht an die neumodische Verdeutschung fremder Wörter, die sich in unsere Sprache eingebürgert hatten, gewöhnen. Er gebrauchte französische und englische Worte und Aussprüche mit Vorliebe. Bei uns am Rhein, besonders in der Kunstsprache (man lese nur die Malkasten-Chronik) wurde ja „ein bißchen Französisch“ stets als angenehm und abwechslungsreich empfunden. Noch in seinen letzten Lebensjahren trieb er eifrigst Italienisch und Englisch, um nicht die Gewöhnung zu verlieren. Das Französische beherrschte er absolut. Daß er es in den nordischen Sprachen nicht weiter gebracht, lag in dem Mangel an Gelegenheit. Die Lieder und Aussprüche, die er kannte und gern zitierte, verdankte er seinem Jugendfreund Hans Gude.

Oswald liebte ein scharfes Wortgefecht über Musik, Politik und soziale Fragen, aber über Religion und Konfession liebte er nicht zu räsonieren. „Darüber zerbrech’ ich mir nicht erst den Kopf,“ meinte er, „das überlass’ ich der geistlichen Obrigkeit, das ist der ihr Metier.“

Hatte er sich seine Meinung gebildet, so war er übrigens nicht leicht davon ab zu bringen. Auf einen Disput ließ er sich dann gar nicht ein. So waren ihm z. B. Automobile zuwider; er fand sie unelegant, und als ein Bekannter, der ein enragierter Autofahrer war, ihm einen längeren Vortrag über die Möglichkeit der Eleganz auch bei einem Auto halten wollte, stand er plötzlich auf und sagte: „Ja, für jemand, der Eile hat, mag ein Auto prachtvoll sein.“

Auch die Schreibmaschine mochte er nicht leiden und erledigte sie mit dem Ausspruch: „Gut für Geschäftliches,“ und als jemand behauptete: „In zwanzig Jahren tippen wir alle,“ tat er ganz erschrocken und meinte: „Da soll uns Gott behüten; wir armen Gefühlsmenschen können uns dann ja nicht mal mehr einen Schmerz von der Seele schreiben; denn daß man sich einen Schmerz von der Seele tippen kann, soll mir keiner weismachen.“ Ein großes Interesse brachte er aber schon als Kind der Luftschiffahrt entgegen. Als wir den Leonardo da Vinci von Mereschkowski lasen, sagte er mir: „Wie gerne würde ich mit ihm zusammen experimentiert haben.“ Seit seiner Kindheit bis ins hohe Alter träumte er immer und immer wieder, er habe das Fliegen richtig erlernt. Manchmal spielte er allerdings auch Ikarus und erwachte mit einem Schrei. Dann behauptete meine Mutter natürlich, er habe Alpdrücken.

Oswald hatte sehr viel Sinn für Humor, Komisches entging ihm selten. Ich glaube, es war in Luino, als wir ihn eines Morgens mit pfiffigem Lächeln im Speisesaal des Hotels auf und ab wandeln sahen. Wir dachten, er würde uns eine komische Geschichte erzählen; aber er gab nur meiner Mutter den Arm und führte sie denselben Weg, den er gegangen, von der Tür zum Fenster. Ich ging hinterher und mußte hellauflachen: „Ach Gott, wenn das doch Onkel Flamm sehen könnte, euer geliebter Garibaldi!“ Auf dem Platz vor dem Hotel stand eine große Statue Garibaldis. Da die Scheiben des Fensters vollständig wellig waren, sah es aus, als ob der Freiheitsheld einen Schwipps habe und dem Beschauer entgegentorkele. Wenn mein Vater, der in den letzten Jahren so oft der Jugendfreunde und ihrer gemeinsamen Streiche gedachte, vom Jahre achtundvierzig und von der ersten italienischen Studienreise erzählte, dann gedachte er auch des begeisterten Amerikaners in Rom, der auf die Leiter gestiegen war, um den kranken Freiheitshelden zu sehen, und lachend fügte er, jener Episode in Luino gedenkend, hinzu: „Aber wir haben ihn ja auch durchs Fenster gesehen.“ –

Knaus, Gude und Flamm hat er die Jugendfreundschaft bewahrt, obgleich das Leben ihn schon früh von Gude, später auch von Knaus räumlich getrennt hat. Auch Des Coudres’ hat er sich oft freundlich erinnert, aber Hans Gude war ihm besonders ans Herz gewachsen. Noch in seinen letzten Tagen sprach er mir von ihm: „Hans Gude hat mich Beethoven lieben gelehrt,“ sagte er, „damals war ich so jung, so eindrucksfähig, und so viel Musik brauste über mich weg; nachdem er mich aber das Allegretto aus der „A-Dur“ verstehen gelehrt, habe ich einen anderen Maßstab an alle Musik gelegt.“

Wie herzlich sein Verhältnis zu Flamm geblieben, beweist folgender Brief, den dieser mir bei Gelegenheit des Todes meines Vaters schrieb:

„Durch die Gewalt der Umstände habe ich mit euch Lieben seit dem Tode eures teuren Vaters nicht in den Verkehr treten können, den ich ersehnte. Ich möchte euch als Kinder des Verklärten, des großen edlen Menschen und Freundes, in dessen Charakter nichts Kleinliches Raum fand, dessen Leben das Ausstrahlen einer Gottesmission war, meinen eignen großen Schmerz des Abschiedes von ihm anreihen. Dem Schicksal bin ich aufs höchste dankbar, daß ich den Vorzug genießen durfte, ihn früh kennen und lieben zu lernen und später ein langes Leben ihm nah zu sein. Und nun der schöne harmonische Schluß seines so tätigen, Freude, Liebe und Licht spendenden Wesens und Lebens!“

In den späteren Jahren standen meinem Vater unter den Künstlern der Petersburger Alexander von Bogoluboff, Hermann Krüger, Salentin Kolitz, Camphausen, Georges Oeder und Emil Hünten am nächsten. Mit seinen Kollegen, den anderen Professoren, hat er stets die freundschaftlichsten Beziehungen unterhalten, sie hatten ihn alle gern. Camphausen hat ihn sogar zweimal angesungen.

Seine Lieblinge aber waren die Jungen! Der Erfolg der Jugend begeisterte ihn bis ins hohe Alter. Als unsere jungen Freunde Wendling und Ungewitter im Jahre 1902 bei Gelegenheit der großen Kunst- und Industrie-Ausstellung in Düsseldorf das Panorama „Caub“ gemalt, war er ganz gerührt. Er lud die jungen Freunde zum Abend ein und legte jedem einen Lorbeerzweig an seinen Platz. Die Jungen fühlten sich auch stets besonders zu meinem Vater hingezogen. Sie wußten, daß er sie liebte, sie fühlten, daß er sie verstand. Seine ganze Persönlichkeit atmete ja Heiterkeit und Leben, und seine Unternehmungslust kannte keine Schranken. Auch für unsere kleinen Interessen, für unsere Pläne und Vergnügungen hatte er stets Verständnis; einen Spaß hat er uns nie verdorben, „zu viel“ Vergnügen kannte er nicht. Übrigens konnte mein Vater sehr heftig werden; als Kinder zitterten wir dann vor ihm, bis wir dahinter kamen, daß es nicht so schlimm gemeint war, und dahinter waren wir sehr bald gekommen.

Oswald war ein Lebenskünstler, das Häßliche übersah er gern, und wo er ohne Ärger auskommen konnte, tat er diese sicher. Nörgeler waren ihm unsympathisch. „Gelt, Kind, die schaffen wir uns vom Hals,“ schlug er vor, und es bleib nicht beim Entschluß. Daß niemand so liebenswürdig und anregend zuhören konnte wie er, darüber waren sich alle einig.

Besonders betont wurde stets seine Bescheidenheit, aber ich glaube, mein Vater war nicht bescheidener, als es sich für einen wohlerzogenen Menschen schickt. Sein Hang, sich selbst zu ironisieren, sein Mangel an Ambition und die seinem Wesen eigene Zurückhaltung wurden oft falsch gedeutet. Hier muß ich hinzufügen, daß seine Zurückhaltung nicht mangelhaftem Interesse für seine Umgebung entsprang, sondern vielmehr daraus, daß Geist und Phantasie zu vielbeschäftigt waren, um seiner Umgebung besondere Aufmerksamkeit widmen zu können, eigentlich malte er ja im Traum wie im Wachen. Oft machte er auch während der Mahlzeit oder einer Spazierfahrt die Bewegung des Pinselführens, sogar im Theater sah ich dies, und doch war das Theater seine liebste Zerstreuung. Rührend gut, wie er war, hatte er meiner Mutter zuliebe auf Konzerte und Theater viele Jahre lang verzichtet, dafür aber hatte ihm diese eine Häuslichkeit geschaffen, die ihm alles andere ersetzen konnte. Unser Freund, Papas Beichtvater Pater Paulus von Loë, schrieb mir sehr treffend über die Art der Geselligkeit, die in unserm Elternhause herrschte, und über meines Vaters Art im Verkehr: „Wie gerne denke ich an die schönen Stunden zurück, die ich in dem so behaglich ausgestatteten Künstlerheim an der Goltsteinstraße zubringen durfte. Es war eine, in ihren Interessen und Berufen oft ganz verschiedene Gesellschaft, die bei Ihrem Vater verkehrte. Nicht bloß die Spitzen der Düsseldorfer Künstlerschaft, sondern auch Staatsmänner und Offiziere, ernste Gelehrte und Schriftsteller fanden sich dort zusammen und alle fesselte und entzückte die Gastfreundschaft, die ihnen hier geboten wurde. Die Unterhaltung war ungezwungen und oft sehr animiert, aber zugleich anregend und belehrend. Ein vornehmer und doch gemütlicher Ton herrschte, bei dem alle Gäste sich wohlfühlten, mit Bedauern gingen und gerne wiederkamen. Alle fanden in Oswald Achenbach einen liebenswürdigen Hausherrn und ausgezeichneten Gesellschafter. Nichts war seiner heiteren zwanglosen Art widerwärtiger als zeremonielle Redensarten. Er ließ auch andere gerne zu Worte kommen; aber, wenn er sprach, so pflegte er, wie man zu sagen pflegt, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Wenige Worte von ihm reichten hin, um künstlerische Probleme oder auch Fragen des praktischen Lebens, die gerade besprochen wurden, zu erleuchten und zu lösen. Und dann überließ er es oft andern, seine Gedanken zu entwickeln, und spielte selbst den aufmerksamen Zuhörer. Freilich, wenn man ihm, wie es mir ja oft vergönnt war, auf sein Atelier folgen durfte und ihn dann inmitten seiner Kunstwerke an der Arbeit sah, so fühlte man gleich an der Begeisterung, die sich dann auch in seinen Worten und seinem ganzen Wesen kundgab, welch ein gottbegnadigter Künstler er war. – – –„

Oft wurde meiner Mutter gesagt: „In Ihrem Hause ist alles so üppig,“ – – sie hatte dafür nur ein Achselzucken. Mein Vater haßte halbe Maßregeln, wie er das nannte. Alles, was nicht aus dem Vollen und vom Allerbesten war, empfand er unangenehm. So war er zum Beispiel bei der Auswahl von Blumen des Morgens am Brunnen in Karlsbad, Marienbad und Kissingen unglaublich kritisch: „Am schönsten ist eine tadellose Rose,“ pflegte er zu sagen, „aber auch ein Strauß kann schön sein, nur muß er dann auch wirklich etwas vorstellen.“ Onkel Andreas brachten wir zu seinem 87. Geburtstag 87 La France-Rosen. Das war ein Strauß nach Oswalds Herzen. Andreas hielt ihn lange in seinen Händen: „Wirklich 87 Rosen, und“, sagte er, „meine Lieblingsrosen!“ Das hatten wir natürlich gewußt.

Die Mißverständnisse, die lange Zeit das gute Einvernehmen der Brüder getrübt hatten, waren allmählich vergessen worden. Seit vielen Jahren bestanden die freundschaftlichen Beziehungen. Mein Vater hat seinen Bruder stets sehr geliebt, und seiner Kunst hat er die größte Bewunderung gezollt; aber Oswald war eben zwölf Jahre jünger als Andreas, dadurch war in der Jugend der Respekt vor dem älteren Bruder vorherrschend. Andreas war schon ein berühmter Mann, als Oswald lernend in das Leben trat.

Eines Tages sagte mir mein Vater: „Solltest du wirklich dazu kommen, deine Notizen zusammenzustellen, so mußt du nicht vergessen, zu erwähnen, daß ich blond war, denn merkwürdigerweise halten mich viele Leute für dunkel. Mein heutiger Atelierbesuch, die hübsche Wienerin, die zwei große Bilder von mir besitzt, sagte mir nämlich, sie und ihre Freundin hätten geglaubt, ich sehe aus wie der fliegende Holländer, oder wie der Graf von Monte Christo, und daran seien meine Bilder schuld. Ich drückte der liebenswürdigen Frau natürlich mein Bedauern über die Enttäuschung, die ich ihr bereitet, aus und fügte hinzu, ich hoffe, die Erkenntnis, daß ich nicht der sei, für den sie mich gehalten, werde ihr nicht die Freude an meinen oder vielmehr an ihren Bildern verderben. Sie beruhigte mich und sagte, sie habe die Enttäuschung schon überwunden, ich gefiele ihr auch so ganz gut. Ähnliches ist mir übrigens oft gesagt worden, obgleich meine Bilder ohne jeden Anklang von Mystizismus und Romantik sind. Was mich bewegte, war stets Positives: „Die Sonne, die Schönheit, die Heiterkeit des Südens.“! – „Jawohl,“ sagte ich, „trotzalledem singt Camphausen vom Hexenmeister, den man sollt’ verbrennen.“*) Schließlich wurde ich dann aggressiv und behauptete, er sei wohl gar nicht so blond gewesen, wie er immer glaube, ich hätte ihn nur als braun in der Erinnerung. Höchstens zur Zeit, da er als kleiner Bub, als Amor auf der Lumpaci-Vagabundus-Leiter der Fortuna gestanden, könne er wohl blonde Locken gehabt haben. Kinder seien immer blond, und ein Mystiker und Romantiker sei er auch; ich erinnere ihn nur an die Nymphe Egeria, deren geheimnisvolle Grotte er so gerne gemalt, und an ihre Namensschwester in Böhmen, an das Mondscheinbild des versteinerten Brautzuges.

*) Noch steh’ ich mit den Meinen schier geblendet
Von allem Sonnenglanz, den du gespendet,
Und wüßte nicht mein Lied wie einst zu singen,
Daß Himmelsboten dir die Farben bringen,
Ich dächt’, es ging nicht zu mit rechten Dingen,
Den Hexenmeister würd’ ich draus erkennen,
Den man im eignen Feuer sollt’ verbrennen.

W. Camphausen.

Begannen wir zu streiten, was gewöhnlich nach dem Abendessen beim Glase Wein und seiner Zigarre geschah, dann lehnte sich meine Mutter behaglich in ihrem Sessel zurück. Nichts war ihr lieber, als wenn wir disputierten, dann brauchte sie nicht vorzulesen.

Als ich dem Grafen von Rosen, der wohl der größte Verehrer meines Vaters ist, die ersten Anfänge meiner Erinnerungen schickte und die Befürchtung aussprach, daß meine intimen Aufzeichnungen weitere Kreise kaum interessieren dürften, antwortete er mir: „C’est une chose du plus puissant intérêt, lorsqu’on a appris à connaître et à admirer un grand artiste en son œuvre, que d’entrer aussi dans son intimité par les relations de ses proches et de ses amis, d’apprendre aussi à connaître également sa personnalité morale et d’acquérir la preuve ques on caractère était à la hauteur de son génie. Il y a là une satisfaction de l’esprit, qui s’étend jusqu’au cœur.“ –

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