Bildertitel. Kunsthändler und Mäzen. Gefälschte Bilder und talentlose Akademie-Aspiranten.

Mein Vater dachte sich zu seinen Bildern gerne Romane aus: „Meine arme Maria“ hatte er das im Besitz des Grafen August von Bismarck befindliche Bild getauft; das Bild ist für uns alle „Meine arme Maria“ geblieben; eine kleine Dorfkirche, im offenen blumengeschmückten Sarge vor dem Portal die helle Gestalt der Braut, ein junger Bauer in verzweifeltem Schmerze über der Leiche liegend. Der Titel war eine Erinnerung an das Bild eines italienischen Malers, das ihm seinerzeit so gut gefallen hatte.

Zum Necken geneigt, alarmierte er auch wohl meine Mutter durch ganz phantastische Titel, die er seinen Bildern zu geben vorgab. Ich sehe ihn noch, wie er mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt – in seinen Augen aber lachten tausend Schelme – erklärte: „Dem Klostergartenbild gebe ich den Titel „Fledermäuseschießende Mönche, vom „Engel des Herrn*)“ überrascht, oder ein andermal: der einsame Wanderer dort in der Kampagna ist Michel Angelo, also Michel Angelo auf einem Spaziergang in der Kampagna, in den Wolken nach Anregung zu seinen Kolossalleibern suchend.“ Einem etwas törichten Verwandten hatte er drei alte Weiber, die mit Spindeln am Strand von Neapel standen, als Parzen vorgestellt; der hatte nichts Eiligeres zu tun, als dies am Abend im Malkasten zu erzählen und dann höchst beleidigt anzukommen. Dort hätten sie ihn ausgelacht und gesagt, der Oswald habe sich über ihn lustig gemacht. Aber dies alles war ihm nur halbwegs scherzhaft, und er ironisierte sich und seine durchgehende Phantasie ja selbst am meisten.

*) Angelusläuten.

Vielfach wunderte man sich, daß mein Vater keine Privataufträge annahm. Es ist ihm dies auch oft verübelt worden, aber er hielt es mit seinen Kunsthändlern, die nahmen, was sie bekamen, und redeten ihm nicht in seine Malerei hinein. Das war das Letzte, was Oswald Achenbach vertragen konnte.

Ich erinnere mich eines Falles, den er später immer ins Feld führte, wenn er zu einem Kunstmäzen gesagt: „Gehen Sie zu Schulte, da haben Sie die Auswahl.“

Frau N.N. hatte ein Bild, ich glaube, einen „Palast der Königin Johanna“ von meinem Vater direkt gekauft. Meine Mutter hatte die Vermittlerin bei dem Kaufe gemacht und dieses oft genug bereut. Nachdem die Besitzerin des Bildes sich eine Zeitlang daran gefreut und begeistert darüber geschrieben hatte, kam auf einmal ein Brief, worin gebeten wurde, doch das „kleine Dampfschiff weg zu machen, es störe ihr und ihrem Gemahl die Poesie. Ob sie das Bild einschicken dürften.“ – Das Bild wurde eingeschickt, mein Vater besah es sich und meinte achselzuckend: „Das Dampfschiff kann ich nicht fortmachen, denn was nützt mich der ganze Golf von Neapel, wenn ich nicht darauf fahren kann!“ Der Dame schrieb er seelenruhig, sie bekäme ein anderes Bild und schenkte den „Palast der Königin Johanna“ einem Freunde. Es war eine unglückliche Geschichte, und die arme Dame tat uns allen leid, aber wer Oswald kannte, der war froh, wenn er sein Bild wirklich bekam und schickte es ihm nicht ein, um etwas daran zu ändern. Wenn meine Mutter und ich später einmal Miene machten, einem Kunstmäzen beizustehen, dann drohte er lachend: „Ich bitt’ euch, denkt an das Dampfschiff.“

Anlaß zu Ärger boten die vielen angeblichen Oswald Achenbachs, die fortwährend ins Atelier gebracht oder mit der Post eingeschickt wurden. Oswald ließ sich ja nicht leicht die Laune verderben; ich erinnere mich, daß er erstaunt vor einem Goldenen Horn stand, das ihm noch in den letzten Tagen seines Lebens als echter „Oswald“ vorgestellt wurde. Es war unglaublich, was sie seit Jahren alles herangeschleppt hatten. Einmal brachten sie einen heiligen Hieronymus, vor seiner Wüstenhöhle sitzend, und behaupteten, es sei eine Jugendarbeit Meister Oswalds. Kleine, nach Photographien zusammengestellte Bildchen, so gut wie möglich in Oswald Achenbachsche Töne gebracht, wurden zu allen Zeiten harmlosen Seelen angedreht. Der Verkäufer hatte natürlich gesagt, es stamme aus der Familie, in der Absicht, seinem Bildchen Kredit zu verschaffen. Oft genierte sich der Käufer zu fragen und war dann so lange im Besitz eines echten Oswald Achenbach, bis er es, um die Signatur bittend, ins Atelier brachte, wo dann herauskam, daß er hereingefallen war. Oswald sagte dann: „Wer nichts davon versteht, sollte nie versäumen, einen Sachkundigen zu fragen, ehe er sein gutes Geld ausgibt.“ Es kam aber auch vor, daß Sachen veruntreut oder gestohlen waren und somit wirklich aus der Familie stammten.

Ehrgeizige Väter oder Mütter, die, mit den schönsten Empfehlungsschreiben ausgerüstet, mit Studien, Skizzenbüchern und hoffnungsvollen Söhnen den Eintritt ins Atelier erzwangen, gehörten auch nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens und verdarben Oswald oft gründlich die Laune: „Herr Professor, wir richten uns ganz nach Ihrem Urteil,“ war eine meinem Vater sehr unsympathische Versicherung. – Er wies die Herrschaften auch meist an die Akademie, aber wenn absolute Talentlosigkeit vorlag, versuchte er die Eltern kurzweg von der Torheit ihrer Pläne zu überzeugen. Da kam es aber vor, daß sich die Leute nicht überzeugen lassen wollten. Ein Biedermann sagte ihm sogar einmal begütigend: „Sie müssen immer bedenken, Herr Professor, daß mein Sohn doch nicht so hohe Preise fragen würde wie Sie!“ „Solchen Leuten verständlich machen wollen, was ein „Künstler von Gottes Gnaden“ ist,“ meinte Oswald lachend, „das ist verlorene Liebesmüh’!“

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Kunstanschauungen.

Kunstanschauungen

Obgleich mein Vater nicht gerne dozierte und nur selten über seine eigene Kunst und seine Kunstanschauungen sprach, kursierten doch in Freundeskreisen eine ganze Anzahl Aussprüche, die wohl nur zum Teil authentisch waren. Ich muß immer lachen, wenn ich daran denke, wie unser späterer Freund, der General Carl von Hugo, als junger Leutnant den Versuch machte, von Oswald in das Heiligtum seines Künstlersinns eingeführt zu werden. Ein Vierteljahrhundert später schrieb mir der General darüber: „Ich lernte Ihren Vater im Malkasten im Mai 1867 persönlich kennen, er befand sich an einem Tisch mit Knaus, Carl Hoff, Salentin, Baur, Hiddemann und dem Bankier Scheuer. Meine Begeisterung für die Größe seiner Kunst war schon längst eine unbegrenzte, und da der Saft einer großen Maibowle mir den Mut dazu gab, so bat ich das Barönchen (von Stutterheim), mich ihm vorzustellen. Das geschah. Er stand hinter Hoff und sah ihm in die Karten; dann gab er mir die Hand mit kurzem Gruß; aber meine Hoffnung, daß er mich nun in das Heiligtum seines Künstlersinns einführen würde, wurde arg zuschanden, denn plötzlich schrie er Hoff an, daß er ein ganz miserabler Kartenspieler sei, er hätte die blanke Zehn drauf geben müssen. Dann fragte er mich, „ob wir nun auf der Golzheimer Heide exerzierten, dort sei es wohl sehr staubig?“ – – – Enttäuscht kehrte ich zu meiner Maibowle zurück.“

Es hat Oswald zu allen Zeiten Spaß gemacht, seine Verehrer und Verehrerinnen zu mystifizieren. Aber seine Art war so harmlos, und jeder kannte ihn als Schelm, so daß die „Hereingelegten“ ihm selten böse wurden, sondern oft herzlich mitlachten.

Seine größten Verehrer aber waren die jungen Künstler, die ihn so gerne interpellierten. Die kannten ihn genau, sie waren ja seine besondern Lieblinge. Mit ihnen war er sehr sachlich und gar nicht ironisch, es kam auch vor, daß er mir auftrug:

„Schick mir nachher den „So und So“ noch einen Moment, er könnte mich mißverstanden haben.“

Später überzeugte mich dann ein Blick, wie eifrig sie waren und wie gut sie sich unterhielten.

Kunstdisputen ging mein Vater am liebsten aus dem Wege: „Wir wollen doch nicht fachsimpeln,“ suchte er stets zu vermitteln. Seine heitere Art bracht übrigens jedem schärferen Wortgefecht schon bald die Spitze ab. In der Zeit, wo „Modern“ für die einen das Losungswort, für die andern den Schlachtruf bedeutete, prallten ja sowohl im Malkasten, wie auch an den sonst harmlosen Gesellschaftsabenden selbst Freunde hart aneinander. Dann habe ich ihn wohl sagen hören: „Ach was, das sind alles Redensarten! Jeder tüchtige Künstler geht seinen eigenen Weg und muß Ellenbogenfreiheit haben. Natürlich beeinflußt der Zeitgeist, die Luft eines neuen Jahrhunderts, uns alle miteinander. Ich bin auch „Modern“ und danke Gott, meinem Schöpfer, daß ich mir die Quälerei mit dem feinen „ausmalen sollen“ vom Hals geschafft habe. Etwas anderes ist, daß das, war wirklich schön und gut ist, es auch für alle Zeiten bleibt, und daß schlechte Sachen aller Marktschreierei zum Trotz nicht gut werden.“

Charakteristisch für Oswalds Art, Kunstgespräche zu führen, ist folgendes Marienbader Abenteuer. Wir saßen im Garten „Zum alten Egerländer“ beim Nachmittagskaffee mit Ludwig Passini, dem Regierungspräsidenten von Eichhorn und andern. Mein Vater gab gerade strahlend eine Geschichte zum besten, die ihm der Komponist Meyer Hellmund am Morgen erzählt hatte, als ein Herr an unseren Tisch herantrat, sich als Major von NN legitimierte, feststellte, daß er mit Oswald Achenbach zu tun habe und dann ohne weiteres zu wissen wünschte, welcher Kunstrichtung er angehöre?

„Sehen Sie mal das erstaunte Gesicht von Papa!“ sagte mir Passini. Wir waren aber noch erstaunter, als mein Vater schlagfertig erwiderte: „Der südlichen Richtung, mein Herr, der südlichen, nach dem Norden hat es mich nie gezogen.“ Meiner Mutter tat der verdutzte Herr leid; sie lud ihn ein, Platz zu nehmen, und bot ihm sogar eine Tasse Kaffee an. Papa sagte dann entschuldigend, die Attacke habe ihn so sehr überrascht, doch sei er gerne bereit, jede gewünschte Auskunft zu geben. Er bewundere alles, was schön und anbetungswürdig sei und was ihm sonst gefiele, und ihm gefiele sehr vieles und sehr Verschiedenartiges und, wie gesagt: es ziehe ihn immer nach dem Süden. Die Sonne und das Schöne, das zöge ihn an: „Das sei seine Kunstrichtung.“

Als der Mann mit der Kunstrichtung, wie wir ihn nannten, erfuhr, daß der Herr da unten am Tisch der berühmte Passini sei, wollte er sich nun über diesen hermachen. Aber der sagte, er müsse nach Hause, nach dem jungen Hasen sehen, den er auf der Jagd beim Grafen Metternich in Königswart lebendig gefangen und den er mir schenken wollte. So brach man denn auf. Der „Mann mit der Kunstrichtung“ reiste in den nächsten Tagen ab. Wir sahen ihn nicht wieder, und der Hase wurde in den Wald zurückgebracht. Denn meine Mutter widersetzte sich energisch meinen Aufziehungsgelüsten. „Das Aufziehen“ (Necken) besorgt schon Papa,“ sagte sie.

An diesem Abend entging aber auch mein Vater seinem Schicksal nicht. Unser Stammtisch bei Klinger war ziemlich vollzählig: Passini, Rudolf von Bennigsen, der berühmte Führer der Nationalliberalen, Exzellenz von Griesinger aus Stuttgart mit Gemahlin und Töchterchen, mein alter Freund von Flügge-Speck und andere heitere Elemente waren anwesend. Unser Freund, der Regierungspräsident on Eichhorn (ein Schwiegersohn des Philosophen Schelling), gab das Nachmittagsereignis zum besten. Er sagte, mein Vater habe dem Interviewer einer neuen, berühmten Kunstzeitung anvertraut, daß er in der Kunst alles liebe, was hübsch sei, ob es nun tanze, sänge, mime oder an der Wand hinge, darin sei er nun einmal Don Juan.

Daß Oswald, dem Schönheitsdurstenden, heiter Genießenden, der alles Häßliche gern beiseite schob, grausame Bilder unsympathisch waren, kann niemand überraschen. Im Sommer 1897 umgingen wir im Glaspalast in München in weitem Bogen das Gemälde eines ungarischen Künstlers („eine ungarische Gräfin läßt junge Mädchen erfrieren)“; und in den Galerien sagte er mir oft: „Sieh es dir von weitem an, freu dich am künstlerischen Ensemble und an den schönen saftigen Farben, aber verschließ die Augen gegen das Sujet. Wie sollte man wohl froh sein, wenn man all das Elend auf sich wirken ließe?“ Er sagte oft: „Die Kunst kann nicht immer heiter sein, aber ob ernst, ob tragisch, sie soll erhebend und nicht abstoßend wirken. Diese grausamen Bilder sind von kranken und perversen Menschen erfunden und eine Rücksichtlosigkeit gegen das Publikum.“ –

Welches seine Lieblingsbilder waren, wüßte ich nicht zu sagen; er hatte ein großes Herz, war schnell begeistert, und so sehr er die alten Meister liebte und verehrte, stand er doch manchem „Modernsten“ verständnisvoll gegenüber.

Für Böcklin hatte er eine ganz besondere Vorliebe. Wieviel Mühe hat er sich gegeben, mir dessen Gemälde in der Schackgalerie lieb und verständlich zu machen. Ich habe es ihm nicht leicht gemacht und immer behauptet, gemeinsame schöne Erinnerungen aus Italien spielten eine Rolle in seiner Begeisterung; erst viel später konnte er mit mir zufrieden sein, und behauptete dann natürlich, das Spiel der Wellen habe mich unterjocht. Wir haben ihn mit seiner Liebe für Böcklin oft geneckt und ihm wohl lachend vorgeschlagen, seine Bilder auch mit „Meerweibern und Bockmännern“ zu bevölkern; dann hieß es aber: „Um Gottes willen, ich male immer nur, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Mich hat nur Positives begeistert.“ Sehr hoch stellte er Liebermann, sein Lieblingsbild war: Die Netzflickerinnen (in der Kunsthalle in Hamburg).

Auch Eduard von Gebhardt verehrte er sehr. Wie lange es sein Wunsch war, einen Gebhardt zu besitzen, geht aus folgendem, an mich gerichteten Brief Eduard von Gebhardts hervor: „Ich hatte mein erstes Bild „Einzug in Jerusalem“ schüchtern in die Welt gesetzt. Da kam Ihr Vater einmal auf der Straße an mich heran und fragte, ob ich schon Angebote auf mein Bild bekommen hätte, er habe große Lust, es zu kaufen. Die Sache kam später nicht mehr in Frage, denn der Kunstverein kaufte das Bild; aber Sie können denken, welchen Eindruck es auf den schüchternen Anfänger machte, daß der große, berühmte Achenbach ihm sagte, er hätte Lust, sein Bild zu kaufen. Ich fühlte mich so gehoben, und es war mir so wertvoll, daß ich das Geheimnis als köstlichen Schatz keinem Mensch mitteilte. Erst in späteren Jahren haben wir darüber gesprochen.“ – – –

Zu Oswalds besonderen Lieblingen gehörte auch Anselm Feuerbach. Selten habe ich meinen Vater so begeistert gesehen wie in Nürnberg im Sommer 1880. Damals hatte die Künstlerklause im dortigen Rathaussaal einen Teil des Nachlasses Feuerbachs zu einer Ausstellung zusammengestellt, darunter das „Urteil des Paris“ sowie noch viele andere interessante Bilder und ganz besonders die herrlichsten Frauenporträts. Wir waren von Kissingen, wo meine Mutter die Kur gebrauchte, nach Nürnberg hinübergefahren, denn mein Vater sagte, er würde es sich nie verzeihen, wenn uns dieser Genuß entginge. Wir haben in späteren Jahren noch oft und immer mit derselben Begeisterung dieser herrlichen Ausstellung gedacht. Als wir im Jahre 1888 bei Gelegenheit der großen Jubiläumsausstellung drei Wochen in München zubrachten, war die Erinnerung noch so frisch, daß wir überall nach Feuerbachschen Bildern und Erinnerungen fahndeten.

Von dieser Jubliläumsausstellung 1888 brachte ich ein reich gefülltes Tagebuch heim, und im Winter entstand ein illustrierter Katalog à la Spottvogel, den mein Vater und ich höchst eigenhändig klebten, und in welchem wir auch unsere Lieblingsbilder nicht geschont haben. Wir lernten damals durch den Präsidenten der Ausstellung, Prof. Eugen von Stiler, auch den Prinzregenten persönlich kennen, – und auf demselben Flur mit uns in den „Vier Jahreszeiten“ wohnte die Exkönigin Isabella von Spanien; kurzum, es war eine sehr interessante Zeit.

Wir waren natürlich den ganzen Tag in der Ausstellung, was unsere Freunde nicht verstehen konnten, besonders da an der Isar auch eine sehr schöne Industrieausstellung stand. Man müßte bei dem schönen Wetter doch auch spazieren gehen, behaupteten sie; aber wir sagten: „Wir machen unsere Spaziergänge im Glaspalast.“ Dort erwischte man uns dann gelegentlich auf einem bequemen Diwan, im Anblick des „Spiel der Wellen“ versunken, und da hieß es natürlich: Wir gingen nicht, wir säßen spazieren. Oswald aber, der seine Bonmots nicht zu Hause gelassen hatte, sagte lachend, auf den Böcklin deutend: „Ach was, Sie sehen doch, wir schwimmen in Vergnügen.“ Das haben wir allerdings in den folgenden Tagen oft hören müssen. Trotzdem verließen wir die Ausstellung nie, ohne noch einmal das „Spiel der Wellen“ besucht zu haben.

Großes Gefallen fand mein Vater auch an dem „Gorilla“ von Fremiet, der damals in München zuerst ausgestellt war. Meine Mutter und ich fanden aber diesen Gorilla, der ein Negerweib gestohlen hat und seine Verfolger mit einem großen Stein bedroht, höchst unsympathisch. Oswald hingegen behauptete, es sei eine Allegorie, und führte noch dies und das zu seiner Ehrenrettung an. Er brachte uns, die wir uns im Labyrinth, genannt Glaspalast, nicht so gut orientieren konnten, tückischerweise immer wieder zu ihm hin.

Sehr oft saßen wir vor dem „Nordenskjold“ vom Grafen von Rosen. Bei der schrecklichen Hitze, die damals in München herrschte und die auch allmählich in den Glaspalast drang, war uns der Anblick des so herrliche gemalten, kühl leuchtenden Schnees besonders wohltuend.

Damals erzählte mir mein Vater etwas, was mich in Erstaunen versetzte (meine Mutter hatte das allerdings schon lange gewußt), nämlich daß Oswald in seiner Jugend eine große Sehnsucht nach dem Norden, besonders nach Schweden und Norwegen gehabt hatte, daß er dort Studien machen und nordische Bilder malen wollte. Da seien Farben, habe ihm Gude erzählt, eine Himmelsbläue und eine Herrlichkeit, last not least die entzückendsten Mädchen in leuchtendster Tracht.“ – – Ich war starr, das hatte ich nicht geahnt.

Ich fragte ihn, warum er denn nicht nach dem Norden gegangen sei? Der Hauptgrund war, daß Andreas den Norden malte. Ich sagte ihm, Oswalds Norden würde wohl eher ein zweiter Süden geworden sein, das hätte ich schon von der Himmelsbläue und den leuchtenden Trachten der Mädchen weg. Er selbst aber meinte, er würde das schon sehr gut auseinander gehalten haben, nun sei es zu spät, sich darüber aufzuregen. „Du hast also den Mann mit der Kunstrichtung mystifiziert,“ um nicht zu sagen: „angelogen“, meinte ich. „Nicht im mindesten,“ sagte Oswald, „was ich euch hier vor dem Nordenskjold erzählt habe, sind Jugendträume, und Träume sind Schäume, wer weiß, wofür’s gut war.“

Merkwürdig ist, daß ein Schüler meines Vaters, der 1844 in Athen geborene Themistokles von Eckenbrecher, sich in späteren Jahren ausschließlich dem Norden zuwandte, nachdem er früher vielfach Bilder aus dem Orient gemalt hatte.

Meinen Vater hat der Orient nie gereizt. Oft ist diese Frage aufgeworfen worden, denn die Freunde, die vom Nil, von Kairo und Konstantinopel oder gar aus Indien und Japan heimkehrten, waren stets voller Begeisterung und bestürmten ihn. Dann hieß es: „Nein, Herr Professor, diese Blumenpracht! Diese Palmen! Dieser blaue Himmel! Das ist doch noch etwas ganz anderes als Italien. Sie müssen hin! Das ist auch heutzutage gar keine Reise mehr!“ Mein Vater jedoch erklärte ihnen, daß ihn nichts mehr nach dem Orient zöge. Zur Zeit seiner Freundschaft mit „dem guten Baron Prokesch“ würde er schon gerne einmal nach Konstantinopel und von dort mit diesem nach Ägypten gefahren sein, Prokesch habe ihn so oft dazu eingeladen. Aber wenn es auch wirklich dazu gekommen wäre, so glaube er bestimmt, daß er nachher doch wieder die Campagna gemalt hätte und den „Golf von Neapel“ oder „die errötende Jungfrau“ (so nannte er die „Jungfrau“ im Abendrot). Er möge keine braunen Menschen leiden und keine Moscheen. Für Kirchen sei die Gotik am schönsten. Der Mailänder Dom sei ein Gedicht, sowohl im Morgenduft wie im Mondenschein, und der Kölner Dom sei geradezu himmelanstrebend! Wenn jemand dann meinte, Minaretts seien auch himmelanstrebend, dann sagte er lachend: „Bilder vom Bosporus und Szenen aus Tausend und eine Nacht hätte meine Frau mir überhaupt nicht zu malen erlaubt.“

Viel Stoff zum Disputieren gab im Düsseldorfer Ausstellungsjahre 1902 der Klingersche Beethoven, dem besonders unsere militärischen Freunde feindlich gegenüberstanden. Natürlich war dann stets der Refrain: „Wir verstehen ja allerdings nichts von Kunst.“ Einmal sagte ihnen mein Vater: „Für Soldaten verstehen Sie alle mehr wie genug von der Kunst; bewundern Sie meine Bilder ruhig weiter und lassen Sie den Klinger in Frieden, der findet schon seine Anbeter.“

Er urteilte nicht gerne schnell, weder im Leben noch in der Kunst. Wie oft sagte er uns, als wir noch Kinder waren: „Ne jugez pas témérairement,“ und versuchte uns das unreife voreilige Urteilen abzugewöhnen. Wie oft hörte ich ihn auch in späteren Jahren sagen, daß man über eine Sache, die man noch nicht ganz in sich aufgenommen und verarbeitet habe, kein Urteil abgeben könne, ohne später in Widerspruch mit seinen eigenen Worten zu geraten. Denn viel Schönes würde uns nicht gleich klar, es müßte erst richtig erkannt und erfaßt sein: „Was würde wohl Carl Maria von Weber empfinden,“ meinte er, „wenn er wüßte, daß es ihm in Ewigkeit anhaftet, beim erstmaligen Anhören der C-Moll gesagt zu haben:

NOTENSCAN

„Beethoven ist verrückt geworden!“

Von verurteilender Kritik kannten wir zwei Äußerungen genau. Riß seine Geduld, so zuckte er die Achsel; mißfiel ihm etwas ganz, so lachte er. „Soll man denn da nicht lachen?“ beantwortete er wohl unseren fragenden Blick.

Wenn er bei unsern Besuchen in der Schulteschen Ausstellung ungeniert und vergnügt in seiner harmlos heitern und doch treffenden Weise die Bilder des lieben Nächsten besprach, folgte uns stets ein Trüppchen Ausstellungsbesucher von Bild zu Bild und amüsierte sich königlich; unseren Freunden machte es stets große Freude, ihn in die Ausstellung zu locken. Am liebsten hörten sie ihn aber über die Entstehung seiner eigenen Bilder erzählen, obgleich dann Sachen zutage kamen, die oft recht paradox erschienen.

Ein schriftlicher Gedankenaustausch zwischen ihm und andern Künstlern hat wohl kaum bestanden. Ich habe nie davon gehört und auch nichts darauf Bezügliches entdeckt. Aber alles, was er mir aus seinem Leben und über seine Kunst erzählt hat, habe ich immer gleich notiert, oft allerdings nur auf einen losen Zettel; fand mein Vater einen solchen als Lesezeichen, so sagte er wohl lachend: „Da hast du was Rechtes.“ Aber eines Tages meinte er doch: „Das ist ein ganz guter Gedanke; wenn Enkel und Urenkel etwas von mir wissen wollen, so sind sie nicht nur auf das Konversationslexikon angewiesen.“ Nun mußten wir aber beide lachen, denn die Bitten um Ausfüllung der Fragebogen für die Lexika wanderten stets unbeantwortet in den Papierkorb.

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