Auf Reisen

Es war ein Genuß, mit meinem Vater zu reisen. Seine Leistungsfähigkeit stellte zwar selbst in späteren Jahren noch starke Ansprüche an seine Umgebung; aber seine scharfe Beobachtungsgabe, sein schnelles Erfassen jeder Situation, sein nie versagender Humor und sein Geschick, die andern von dem reichen Schatze seiner Erfahrungen profitieren zu lassen, ohne je lehrreich oder ermüdend zu werden, machten ihn zum geborenen Cicerone und Reisemarschall. Er sah ja auch mit seinen Künstleraugen manches, was uns entging; seine größte Freude war es, uns darauf aufmerksam zu machen. Nichts sollte verloren gehen. Manchmal hatten wir aber von seiner Begeisterung zu leiden, wenn er uns auf der Reise, wenn es beinah’ Nacht war, weckte, weil er uns etwas Herrliches zeigen mußte. Eine leicht rosa getönte Riesenwolke, die den ganzen See und den ganzen Urirotstock bis in halber Höhe bedeckte, brachte uns einmal in Brunnen um den Morgenschlaf, und wenn Mutter dann brummte, meinte Oswald entschuldigend, es wäre doch eine Sünde und Schande gewesen, wenn er uns diesen Genuß vorenthalten hätte. In Desenzano klopfte er einmal in aller Frühe an meine Tür und behauptete, das Frühstück schon bestellt zu haben, denn es sei viel zu schön, um zu schlafen. Ich folgte ihm auch bald durch den kleinen Salon auf die in den See hinaus gebaute, ganz mit blühendem Oleander bestellte Terrasse, wo der Kellner wirklich schon den Frühstückstisch richtete. Da sah man, wie durch einen Blumenrahmen, den silberschillernden See und die fernen Berge im Morgenduft. Oswald behauptete später, ich habe gesagt, es sei so schön wie eine Theaterdekoration. Gesagt habe ich das sicher nicht, aber hören mußte ich es doch. Der Rückschlag der Begeisterung bestand in einem soliden Schnupfen, den wir uns alle drei bei diesem halbnächtlichen Frühstück geholt, denn es war schon herbstlich und empfindlich kühl. Auf dieser Reise hatte Oswald nun mit nächtlichem Wecken kein Glück mehr, wir hatten an einem Schnupfen genug.

Eine Situation zu verfeinern, einen Genuß auszukosten, das lag ihm im Blute, trotzdem hing seine gute Laune nicht vom materiellen Genießen oder Entbehren ab. Sie war unverwüstlich und riß uns mit. So saßen wir bei schwarzem Brot und Käse, in der rauchigsten Bierstube, genau so vergnügt beisammen wie an den kleinen Marmortischen des eleganten Café Florian in Venedig.

Fürst Leopold von Hohenzollern erzählte mir einmal bei einem Atelierbesuche, wie heiter er seinerzeit als Erbprinz mit der Erbprinzeß und meinen Eltern im „Elefanten“ in Brixen zu Abend gespeist habe. In der Wirtsstube an dem sauber gescheuerten Tisch hatten sie gesessen und Knödel gegessen. Er rief meinen Vater zum Zeugen auf, wie reizend und gemütlich es gewesen sei. Mein Vater hatte mir von dem Abend oft gesprochen. Während nämlich der damalige Erbprinz sich in seiner liebenswürdigen Art mit meiner Mutter und meiner ältesten Schwester unterhielt, hatten sich die Erbprinzeß und mein Vater auf das Kunstgebiet begeben. Die Erbprinzeß malte selbst sehr hübsch und hatte stets besondere Sympathien für Oswald. Dieser kam natürlich bald auf sein nimmer schweigendes Leid, das „Ausführensollen“ der Bilder, zu sprechen: gerade die Bilder, die nun zu Hause aufwarteten, seien im unmöglich auszumalen. Das habe er ihr erzählt, er graule sich, nach Hause zu kommen, und ganz besonders vor seinem sonst so geliebten Atelier. Da habe die Erbprinzeß ihn gefragt: „Aber, Herr Professor, warum „skizzieren“ Sie die Bilder denn nicht fertig?“ – Das sei ihm wie eine Offenbarung gewesen. Den anderen Tag schon habe er Sehnsucht nach Düsseldorf und nach seinem Atelier gehabt, und seit jenem Tage habe er alle seine Bilder „fertig skizziert“. Wie oft hat mein Vater mir die Geschichte erzählt, und wieviel öfter hat er gesagt: „Ich skizziere es fertig!“

Trotz Knödel und rußiger Bierstuben hieß es bei uns gar oft wie beim Großvater seligen Angedenkens:
„Was die Reis’ gekostet – – “

Indessen hätte kleinliches Rechnen meinem Vater die ganze Freude verdorben.

Schon frühzeitig versuchte er, auch bei uns Kindern das Verständnis für den „schönen Superlativ“ (wie er das nannte) zu wecken, sowie die Freude an der Natur, deren Effekte er durch allerlei Künste mit großem Geschick zu steigern wußte. So arrangierte er für uns fackelbeleuchtete Nächte auf dem Rhein, Jagdpartien auf dem Niederwald und an der Morgenbach, Gondelfahrten im mit Teppichen geschmückten Kahn. Eine solche Gondelfahrt von Aßmannshausen nach Lorch blieb uns allen durch ihr tragikomisches Ende unvergessen. Mein Vater hatte selbst den Kahn mit Teppichen, Blumen und Lampions dekoriert, und wir fuhren strahlend und von den Passagieren der vorüberfahrenden Dampfer begrüßt und bewundert den Rhein hinunter. Mein Vater sagte später manchmal: „Ich fürchte, wir hatten die Lorelei gesungen.“ Nun, die Wellen hatten uns nicht mit Schiffer und Kahn verschlungen, aber es hätte nicht viel daran gefehlt, und wir wären wirklich ertrunken samt Blumen, Lampions und Teppichen. Oswald sagte aber später oft mit einem Schelmenlächeln: „Seit dem Schrecken habe ich Rheinbilder verschworen; ade Mäuseturm und Lorelei. Höchstens ab und zu mal ein Nachtstück mit einem glutäugigen, gleich einem Ungeheuer aus dem Tunnel heranbrausenden D-Zuge habe ich gemalt. Erst viele Jahre später wagte ich mich an das Kloster Heisterbach; als ich aber den Drachenfels malen wollte, rächte sich die Lorelei. Ich nehme an, daß sie es war, denn mehr Kopfzerbrechen als dies Bild hat mir wohl keines gemacht. Ruhe hatte ich erst, nachdem ich es einfach übermalt hatte.“

Einen plausiblen Grund hatte er ja immer, wenn er ein Bild übermalen wollte. Meine Mutter aber verschwor seit diesem Abenteuer jede Kahnfahrt, und als sich ein paar Jahre später bei Sorrent ein unangenehmer Zwischenfall auf einem Mittelmeerdampfer ereignete und die Passagiere von „höchster Höhe“ in einen Kahn „geworfen“ wurden, wie sie gerne erzählte, ging sie auch auf kein Dampfschiff mehr. Die Sache ereignete sich im Jahre 1871. Mein Eltern waren damals vom Frühling bis Weihnachten in Rom und Neapel. Die Haupterinnerungen dieser Reise waren außer dem Schiffbruch bei Sorrent die Audienz bei Pio Nono, der speiende Vesuv und der Raub bei Kloster Camaldoli. Bei letzterem Abenteuer hatte der Eseltreiber, der wie üblich seinen kleinen Buben nebenher laufen ließ, meiner Mutter, die stets die Kasse führte, beim Aufstieg zum Kloster Camaldoli bei Neapel das Portemonnaie gestohlen. Oswalds größter Kummer war natürlich, daß er nun kein Cadeau für den geliebten Pater hatte. Der Treiber konnte selbstverständlich mit treuherzigster Miene seine Taschen umdrehen, denn sein Bub war längst mit der Beute in Nazareth.

Unser Freund Hermann Krüger erzählte bei jeder Gelegenheit: „Es reist’ sich mit niemanden so gut wie mit Achenbachs, sie haben immer einen Platz im Wagen frei, Oswald hat seinen göttlichen Humor, der sich nicht einmal verleugnet, wenn seiner Frau das Portemonnaie gestohlen wird, vorausgesetzt, daß er seinen Obolus für den frommen Bruder in der Tasche hat.“

Der rauchende und speiende Vesuv hat stets eine besondere Anziehungskraft auf Oswald ausgeübt. Im Jahre 1882 blieb man trotz der größten Hitze wochenlang in Neapel. Vom Salon des Hotels, wo soupiert wurde, ging’s auch immer schnell einmal auf die ins Meer hinausgebaute Terrasse, um festzustellen, ob der „alte Herr“ auch seine Schuldigkeit tue. Dies Kontrollieren behielt Abend für Abend denselben Reiz, bis mein Vater durchsetzte, daß draußen gespeist wurde.

Oswalds Skizzenbücher enthalten gar manchen Vesuv, denn der veränderte ja nach jeder Eruption seine Form. Auch viel neapolitanische Staffage, große Kriegsschiffe und kleine Barken, Masten und Segel, Netzflicker und nackte Buben, sowie faulenzende oder schlafende Lazzaroni, Makkaroniverkäufer, Maronen- und Fischröster sind darin die Menge. „Ganz glücklich waren wir aber erst, wenn wir wieder in Rom waren,“ pflegte meine Mutter zu sagen. Für sie hatte Rom noch einen besonderen Vorzug: das Fehlen von Barken, Gondeln und Dampfschiffen, und selbst die bösen Gewitter schienen in der heiligen Stadt an Schrecken zu verlieren. Meiner Mutter Angst vor dem Wasser erwies sich bei unserem oft längeren Aufenthalt an den oberitalienischen Seen als sehr hinderlich, denn nun mußten wir immer um die Seen herumfahren, worüber man uns natürlich oft auslachte. Aber im offenen Wagen mit vier Pferden und adrettem Postillon war die Sache gar nicht übel. Meine Mutter liebte die Fahrt im offenen Landauer über alles. Mein Vater und ich stiegen aber jeden Augenblick aus, um etwas zu marschieren, eine Höhe zu erklettern, oder wenn er eine Farbskizze machen wollte. Die schöne Natur regte ihn so sehr an, daß er es nicht lassen konnte, sofort an Ort und Stelle zu malen, oder wenn es nicht ging, doch zu zeichnen. Zeichnend stand er im Wagen, zeichnend in den Straßen: ich mußte seinen Stock, oft die Zigarre halten; die sollte dann auch nicht ausgehen. „Blas doch mal dran,“ animierte er mich wohl, wenn die Gefahr des Ausgehens groß war. Einmal, als ich gerade blies, kam ein Herr vorbei und lachte. „Der hat mich ausgelacht,“ sagte ich ärgerlich. „Ach was,“ sagte mein Vater, „der hat dich angelacht, ich hab’s gesehen.“ – Wenn mein Vater und ich auf Beute zogen, ausgerüstet mit Malkasten und Leinwand, da mußte meine arme Mutter oft stundenlang im Wagen sitzen und auf uns warten, bis wir, vorsichtig jeder an einer Ecke ein dickbemaltes Papier haltend, ankamen. Dann hatte meine Mutter allerdings die größte Freude, und das langweilige Warten war verschmerzt. Das Zeichnen aber erledigte er, wie schon erwähnt, stets in größter Geschwindigkeit, und diese flüchtigen Striche genügten ihm für sein späteres Bild. Es war wirklich, als wenn er, wie Paul Meyerheim in seinem Menzelbuch erzählt, einen photographischen Apparat im Kopf gehabt hätte.

Wenn meine Mutter sich dann im Hotel etwas hinlegen mußte, um abends wieder frisch zu sein, begaben Oswald und ich uns unter der Firma, noch etwas zu bummeln, in die feinsten Cafés, und gab’s so was nicht, dann tat’s auch das kleinste Bahnhofsrestaurant, später beichteten wir dann mehr oder weniger reumütig. –

Machten wir größere Fußtouren, so sangen wir wohl:
„Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern.“ –

Dies hatte mein Großvater den kleinen Oswald pfeifen gelehrt, wenn bei den anstrengenden Fußtouren die kleinen Beine mit den großen nicht mehr Schritt halten wollten; ich aber konnte das Pfeifen nicht lernen, soviel Mühe sich mein Vater auch gab. Schließlich meinte er, singen ginge auch, die Soldaten sängen ja auch bei ihren Märschen, wenn es hieße „Rührt euch“. Aber Pfeifen sei gesünder, denn man schlucke weniger Staub. – Manchmal liefen wir meiner Mutter zu viel. Besonders, wenn es regnete und sich die Wolken türmten, da hätte sie uns am liebsten nicht aus dem Hotel gelassen, sie komplottierte wohl mit dem Arzt; aber wir komplottierten gegen, und ich schürte den Geist der Rebellion. Wenn wir so durch den Regen liefen, sah uns mancher Italiener nach. Die Italiener sind ja so wasserscheu! In Verona sahen wir einen Tagelöhner, der gegen einen leichten Regen – mein Vater und ich liefen ohne Schirm und Mantel herum – sich durch einen Korb, über den er einen leinenen Sack gezogen hatte und als Hut benutzte, außerdem noch durch einen großen blaugrauen Schirm schützte. Jedes Gewitter nennen sie einen Wolkenbruch. – Alles rennet, rettet, flüchtet! Eines Tages mußten aber auch wir daran glauben. Es war in Mailand. Oswald und ich waren in ein elegantes Café eingekehrt und taten uns gütlich. Da auf einmal gab’s Blitz und Schlag zugleich! Ein furchtbares Gewitter tobte los, wir hinaus! Aber so viel Droschken auch an uns vorbei rasselten, alle waren besetzt. Atemlos und naß wie die Katzen kamen wir im Hotel an und fanden meine Mutter halb tot vor Angst und in Tränen.

Diese schreckliche Nervosität verleidete ihr und uns oft das Leben, und so standen auch unsere Reisen im Zeichen der Gewitterangst! Aber Oswalds unverwüstliche gute Laune half auch hierüber weg, was freilich gut war; denn gewitterte es, dann war meine Mutter unberechenbar. In Ostende lief sie einmal bei einem Donnerschlag von der Straße weg in ein fremdes Haus und von dort in den Keller. Am Gardasee, bei den Resten von Catulls Landhaus, auf der Halbinsel Sermione war sie, obgleich die Pferde am Landauer wie die Lämmer standen, in eine abscheuliche feuchte Felsengrotte gedrungen, wo da allerlei zu krabbeln schien, was sie sonst durchaus nicht liebte. Die größere Nervosität gegen Gondel, Dampfschiff und Gewitter hing natürlich mit dem körperlichen Befinden zusammen. Im Herbste 85 war meine Mutter, von Marienbad kommend, so wohl und zufrieden mit sich, ihrer guten Kur und dem liebenswürdigen Geheimrat Ott, daß sie bei einem Gewitter mit uns zusammen im Hotelsalon blieb, ohne vorher den Versuch gemacht zu haben, in den Keller zu entfliehen. Dies Wunder geschah in Arona, und es war ein ganz schreckliches Gewitter! Der Lago Maggiore bäumte sich förmlich, die Schiffe, die zur Abfahrt im Hafen lagen, konnten nicht fort, die Maste klapperten unheimlich, denn die Schiffe wurden hin und her geworfen. Wolken, anscheinend dunkelbraun und grünlich, jagten über den Mond her, die Blitze beleuchteten zauberhaft den ganzen See und die fernen Berge. Ich stand mit meinem Vater auf der Veranda, bis der wolkenbruchartige Regen uns hineintrieb. Erst spät in der Nacht trennten wir uns, nach das Gewitter sich gelegt, der Sturm aber um so toller tobte.

Am andern Morgen fuhren wir im offenen Wagen nach Stresa, wir wollten zur Isola Bella. Das war nun wirklich eine herrliche Fahrt. Mein Mutter saß in behaglichster Stimmung in ihrem geliebten Landauer, die Luft war kühl, der goldene Staub, den Oswald so sehr zu malen liebte, aber bei den Wagenfahrten ebenso scheute wie wir, war verschwunden. „Dankbare Gefühle nach dem Gewitter,“ sagte er vergnügt und frei aus der „Pastorale“ zitierend. Als wir an der Anhöhe kamen, auf der die Riesenstatue des heiligen Carolus Borromäus steht, wollten wir trotz des lebhaftesten Protestes meiner Mutter natürlich hinauf. „Den will ich doch malen,“ sagte mein Vater, und schon war er aus dem Wagen und ließ sich vom Kutscher den Malkasten reichen. Meine Mutter behauptete zwar, wir würden im Schlamm stecken bleiben, und der Carolus wolle gar nicht gemalt sein, er drohe sogar mit dem Finger. „Ich male ihn aber doch!“ sagte Oswald, und sehr bald hatten wir des Carolus Borromäus wohlgetroffenes Konterfei in unseren Händen. Aber er hatte doch nicht umsonst gedroht, die Borromäischen Nachkommen rächten sich, wie wir zu unserm Schaden erfuhren. Denn als mein Vater und ich, die nach Tisch nach der Isola Bella gefahren waren, zu meiner Mutter in den Garten des Hotels Des Iles Borromées zurückkehrten, waren wir zwar entzückt von allem Schönen, das wir gesehen, und beladen mit herrlichen Blumen, die uns der freundliche Gärtner geschenkt, aber ohne sonstige Ausbeute! Jeder Strich zu zeichnen oder zu skizzieren war dort verboten. Der Besitzer, Graf Borromäus, hatte alle Rechte an eine photographische Gesellschaft in Frankfurt abgetreten. Es war zu schade! Denn der Eindruck, den wir empfingen, als wir durch die reich dekorierten und eleganten Säle, au die schöne, von Balustern umgebene Terrasse hinaustraten, war großartig und überraschend in der Gesamtwirkung. Mein Vater zeichnete im Hotelgarten die Terrasse aus der Erinnerung in sein Skizzenbuch: er machte dann vor unserer Abfahrt noch eine Farbstudie von der Isola Bella, wie man sie von dem Garten des Hotels aus liegen sieht.

Im Herbst 95 verfolgten uns die Gewitter, doch haben wir an einen Spätnachmittag in Ragaz, wo wir mit Herrn Fridolin Simon zwischen den Fässern saßen und Chablis tranken, immer gern zurückgedacht; damals machte Oswald noch in Chablisstimmung eine entzückende Farbstudie vom Falkniß, der in rotglühender Pracht vor uns lag.

Ein großer Vorzug unserer Reisen für mich war, daß Oswald mir gelegentlich die amüsantesten Sachen erzählte. Er wußte, wie sehr ich das liebte, und weil er sich mir für heimlich entfernte Farbflecke sowie für das Ordnen seines Malkoffers verpflichtet fühlte, revanchierte er sich auf diese Weise. Auch von seiner Malerei erzählte er mir dann. Ein strahlend klarer, aber sehr heißer Septembermorgen im Garten der Villa Negro bei Genua ist mir unvergeßlich. Wir hatten uns am schönsten Aussichtspunkt im Angesicht des Meeres behaglich installiert und sahen den Schiffchen zu, die im glitzernden Sonnenschein tanzten. Mein Vater sagte: Dieses Tanzen der Schiffchen im Sonnenschein hat mir stets so gut gefallen, und ich habe immer und immer wieder versucht, dieses annähernd auf meinen Bildern wiederzugeben. Einmal war es mir auf einem Golfbilde wirklich gelungen, denn ich sah in meiner Phantasie die Schiffchen buchstäblich in der Sonne tanzen, ich war so stolz, daß ich den anwesenden Raseur mit ins Atelier nahm, um ihm das Bild zu zeigen. Mit vergnügtem Schmunzeln auf die Schiffchen deutend, meinte er: „Gelt, Herr Professor, dat sind Entches?“*) Ikarus konnte nicht zerschmetterter sein wie ich; schließlich tröstete ich mich damit, daß auch unsere stolzesten Leistungen immer noch an die Phantasie des Beschauers appellieren, und daß die Phantasie des besten Raseurs ihre gesteckten Grenzen hat.

*) Rheinischer Diminutiv für junge Enten.

Meine Eltern und auch wir jüngeren Kinder haben wohl den größten Teil unserer Reisezeit am Badeort zugebracht. Es knüpfen sich an unseren Aufenthalt in Karlsbad und Neuenahr, besonders aber an Wildungen, Marienbad und Kissingen so viele liebe und heitere Erinnerungen, daß es undankbar wäre, nicht gerne daran zurückzudenken.

Mein Vater schloß sich auf der Reise leichter an. Besonders am Badeort sammelte sich bald ein Kreis gleichgesinnter Seelen um ihn. Da wurden feste Freundschaften geschlossen, wie seinerzeit auf dem Rigi mit dem damaligen Bundesgesandten in Konstantinopel, Baron Prokesch-Osten; in Kissingen mit dem Münchener Maler Guido von Maffei und seiner reizenden Frau, den Familien Wendt aus Bremen, Konsul Otto Heye aus Düsseldorf, Grommé aus St. Petersburg und manchen anderen. Besonders große Freude war es stets, unverhofft alte Freunde zu treffen. Ich erinnere mich noch mit Vergnügen, wie in Wildungen unter Donner und Blitz, enggedrängt unter dem schmalen Dache des Kurbrunnens, einige mit einem ebenfalls bedrängten Nachbar ausgetauschte Worte ein solches Wiedersehen herbeiführten. Der Betreffende war Graf August Pourtalès aus Genf, ein Schüler aus den sechziger Jahren. Das war eine Freude, ein Fragen und Schwatzen; wir waren dann täglich zusammen. Graf Pourtalès erzählte mir begeistert, wie die Schüler meinen Vater geliebt und verehrt hätten, und hin und her flogen die Erinnerungen aus alter Zeit.

Aber Reisebekanntschaften machten wir eigentlich nur am Badeort; im Jahre 1885 waren wir z. B. drei Wochen an den oberitalienischen Seen und sprachen nur zwei Menschen. Merkwürdigerweise waren es beide Oberbürgermeister, der Sindaco von Venedig, Graf Alighieri und der Sindaco von Padua, dessen Name ich leider vergessen habe. Wir trafen den ersteren im Zuge Mailand-Venedig. Der Graf war ein schöner Mann, trug einen ganz weißen Anzug und hatte eine Maréchal Niel-Rose im Knopfloch. Er war auch sehr liebenswürdig und bot uns seine Gondel an, die meiner Mutter aber mit Entsetzen ablehnte; sie zog es vor, mit meinem Vater den Weg zum Hotel „den roten Stein lang“ zu Fuß zu pilgern, nachdem sie mich und die Kammerfrau in eine Mietgondel verladen hatten. Einige Tage später trafen wir auf dem Wege von Venedig nach Padua den andern Sindaco. Er war nicht so schön wie der Graf Alighieri, aber sehr lustig. Wir haben noch oft seiner gedacht, denn die italienischen Lieder, die er uns empfahl, wurden Oswalds Lieblingslieder. Mein Vater war in seiner Gesellschaft in eine so heitere Stimmung geraten, daß er, als uns der Wirt im Hotel die Zimmer undeci, dodeci, tredeci als die unsrigen nannte, ganz laut aus Boccaccio zu singen anfang: „Immer nur undeci, dodeci, tredeci tralala la-la-la“ und sich höchlich amüsierte, als aus zwei benachbarten Türen zwei benachtmützte und empörte „Missen“ herausschauten.

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Der siebzigste Geburtstag.

Der siebzigste Geburtstag

Mein Vater hatte gar keine Lust, siebzig Jahre alt zu werden, und meinte verschiedentlich, ob man den Tag nicht etwas hinausschieben könne, er fühle sich noch gar nicht würdig, alle die Auszeichnungen, von denen gemunkelt wurde, über sich ergehen zu lassen. Meine Mutter, die Freunde und wir Kinder freuten uns aber über alles, was wir hörten; wir fanden es sehr richtig, daß Oswald dem „Gefeiertwerden“ ein Greuel war, nun auch einmal stillhalten sollte. Meine Mutter freute sich besonders, als man ihr erzählte, daß er Ehrenbürger der Stadt Düsseldorf werden solle. Freunde von nah und fern hatten sich schon seit langem angesagt. Ein Festkomitee entstand, aber die Feste konnten nicht gefeiert werden. Mein Vater erlitt den größten Schmerz seines Lebens am 18. Dezember 1896; kaum sechs Wochen vor seinem 70. Geburtstage verlor er seine treue Gefährtin, wir unsere gute Mutter. Sie war nach kurzem Krankenlager sanft entschlafen.

Meine Vaters Verzweiflung war groß, er hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, sie verlieren zu können. Das war nun ein trauriger Geburtstag. Die Blumen, die kamen, wollte er nicht sehen, die Telegramme nicht lesen, alles erinnerte ihn zu sehr an die noch so nahen Tage, wo auch Blumen und Telegramme das Haus überschwemmten und meine Mutter zur ewigen Ruhe getragen wurde. Stille Wochen und Monate folgten, mein Vater, der auch körperlich gebrochen war, erholte sich nur sehr langsam, und wir mußten fürchten, daß nicht nur der Schmerz und die Trauer, sondern auch eine innere Krankheit seinen Zustand verschuldeten. Doch als der Herbst herankam, fühlte er sich anscheinend viel wohler, und so beschlossen wir, eine Reise nach Oberitalien anzutreten, und zwar über den Kaiserstuhl ins Berner Oberland und von dort nach Florenz. Anfang September 1897 traten wir unsere Reise an. Wir fuhren zuerst nach Lilienhof auf den Kaiserstuhl, und mein Vater genoß noch recht aus dem Vollen das heitere Zusammensein mit seiner Lieblingsnichte, der Tochter seines Vetters Hermann Achenbach aus Moskau. Aber schon in Interlaken, wo wir mit lieben Freunden und Verwandten schöne Tage verlebten, zeigte es sich, daß er sich körperlich nicht wohl befand. Ich fühlte, daß wir Florenz aufgeben mußten. Mein Vater war außer sich, als ich ihm meine Befürchtung nicht mehr vorenthalten konnte; schließlich gab er mir aber doch recht und wurde ganz vergnügt, als ich ihm vorschlug, unseren ganzen Reiseurlaub „einfach in München“ zu verbringen. Mit der schönen Isarstadt hat man ihn nie vergeblich gelockt. Alle Erinnerungen seiner ersten Jugendzeit waren mit ihr verknüpft; seinen einzigen Sohn hatte er sogar nach dem Schutzpatron von München Benno genannt. Wir fuhren also nach München; und es war unser Glück, denn mein Vater erkrankte gleich nach unserer Ankunft, und wir fanden nun hier die vorzüglichen und hervorragenden Ärzte: Professor von Angerer und Dr. May, ein Schwiegersohn von Hermann Kaulbach, durch deren Umsicht mein Vater bald wiederhergestellt wurde, und die Mittel und Wege angaben, ihn in kürzester Zeit von seinem vorhandenen Leiden endgültig zu befreien. Das geschah auch im Herbst des nächsten Jahres durch eine Operation, die Geheimrat Marc in Wildungen ausführte. Nach dieser Operation wurde er wieder ganz gesund.

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